Ovid
43 B.C.E.-17 A.C.E. - Wrote in Latin
Metamorphoseon (Verwandlungen) (Deutsch)
Publius Ovidius Naso Written 1 A.C.E.
In der Übertragung von
Johann Heinrich Voß
(1798)
Commercial use prohibited.
Die kursiv gesetzten Textergänzungen der in der Voß'schen Übertragung fehlenden Ovidstellen sind der Übersetzung
von Reinhart Suchier (1889) entnommen.
Inhalt:
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- Erstes Buch
- Die Schöpfung
- Die Weltalter
- Lykaon
- Deukalion
- Daphne
- Io
- Zweites Buch
- Phaethon
- Kallisto
- Der Rabe und die Krähe
- Ocyrhoe
- Battus
- Aglauros
- Europa
- Drittes Buch
- Kadmus in Thebe
- Kadmus in Illyrien
- Aktäon
- Semele
- Narcissus und Echo
- Pentheus
- Viertes Buch
- Des Minyas Töchter
- Leukothoe
- Ino und Athamas
- Fünftes Buch
- Sechstes Buch
- Arachne
- Niobe
- Die Frösche
- Marsyas
- Prokne und Philomela
- Orithya
- Siebentes Buch
- Medea
- Die Myrmidonen
- Cephalus und Prokris
- Achtes Buch
- Scylla und Minos
- Dädalus
- Meleagros
- Achelous
- Erisichthon
- Neuntes Buch
- Des Herkules Tod
- Galanthis
- Dryope
- Iphis
- Zehntes Buch
- Orpheus und Eurydice
- Cyparissus
- Hyacinthus
- Pygmalion
- Venus und Adonis
- Elftes Buch
- Midas
- Thetis und Peleus
- Cëyx und Halcyone
- Der Taucher
- Zwölftes Buch
- Fama
- Die Lapithen und Zentauren
- Ajax und Ulysses
- Dreizehntes Buch
- Ajax und Ulysses
- Polyxena
- Acis und Galatea
- Glaukus und Scylla
- Vierzehntes Buch
- Glaukus und Scylla
- Picus
- Des Äneas Vergötterung
- Pomona und Vertumnus
- Romolus und Hersilia
- Fünfzehntes Buch
- Pythagoras
- Cäsars Vergötterung
- Sphragis
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Erstes Buch
Die Schöpfung
Vor dem Meer und der Erd' und dem allumschließenden Himmel,
War im ganzen Bezirk der Natur ein einziger Anblick,
Chaos genannt, ein roher und ungeordneter Klumpen:
Nichts mehr, als untätige Last, nur zusammengewirrte
Und mißhellige Samen der nicht einträchtigen Dinge.
Niemals kreisete jetzt ein welterleuchtender Titan,
Noch erneuere Phöbe des Monds anwachsende Hörner.
Auch nicht schwebte die Erd' in rings umgossenen Lüften,
Wägend sich selbst durch eignes Gewicht; noch streckte die Arme
Weit um den Rand der Länder die mächtige Amphitrite.
Wo die Erde nun war, dort war auch Luft und Gewässer.
Nicht zum Stehn war jetzo das Land, noch die Woge zum Schwimmen,
Noch voll Lichtes die Luft: kein Ding hatt' eigne Gestalt noch.
Anderes war dem anderen feind: in dem selbigen Körper
Übete Kaltes den Kampf mit Hitzigem, Feuchtes mit Trocknem,
Weicheres rang mit Hartem, und Lastendes gegen das Leichte.
Solchen Streit hub endlich die beßre Natur und die Gottheit:
Welche vom Himmel das Land, von dem Land abtrennte die Wasser,
Und von der dunstigen Luft den gekläreten Himmel emporhub.
Dieses nunmehr entwickelt, und frei aus der blinden Verwirrung,
Schied sie in eigenen Räumen, und stiftete Frieden und Freundschaft.
Siehe die feurige Kraft des gewichtlos wölbenden Himmels
Schimmert' empor, und wählte den obersten Ort in den Höhen.
Ihm ist nahe die Luft, wie an Leichtigkeit, also an Wohnung.
Dichter denn beid' ist die Erd', und zog den gröberen Urstoff,
Niedergedrückt durch Schwere von sich; die umflutende Nässe
Nahm den äußersten Sitz, und band den gediegenen Erdkreis.
Als in Ordnungen nun, wer jener auch war von den Göttern,
Abgeschichtet den Wust, und die einzelnen Schichten gegliedert;
Formt' er die Erd' im Beginn, und schuf, daß nirgend ihr ungleich
Wär' ein Teil, die Gestalt der groß gerundeten Kugel.
Dann ergoß er die Sunde, damit sie empor in den Sturmwind
Schwöllen, und rings die Gestad' umwalleter Lande bestürmten.
Sprudel auch rief er hervor, Landseen und unendliche Sümpfe;
Und abschüssige Ström' umdämmt' er mit schlängelnden Ufern:
Die in verschiedenem Lauf teils untergeschlürft sich verlieren,
Teils in das Meer ausgehn und, geherbergt von dem Gefilde
Freierer Flut, anschlagen für grünende Borde den Felsstrand.
Weit auch streckt' er die Ebenen aus, und senkte die Täler,
Deckte mit Laube den Wald, und erhob die steinigen Berge.
Wie zwei Zonen zur Rechten, und zwei zur Linken den Himmel
Quer durchziehn, und dazwischen die heißere fünfte sich ausdehnt:
So begrenzte die innere Last mit der selbigen Anzahl
Sorgsam der Gott; und es ruhn gleichviel Erdgürtel darunter.
Die in der Mitte sich dehnt, ist unbewohnbar vor Hitze;
Zwei deckt türmender Schnee; zwei ordnet' er zwischen den beiden,
Welchen er Mäßigung gab, mit Frost die Flamme vermischend.
Über sie raget die Luft: die so viel, als gegen die Erde
Leichter wiegt das Gewässer, an Last vor dem Feuer gewinnet.
Dort auch hieß er die Nebel, und dort die Gewölke sich lagern,
Und, um menschliche Herzen zu bändigen, hallende Donner,
Und mit leuchtenden Blitzen die kalt anstürmenden Winde.
Diesen auch verstattete nicht der Erschaffer des Weltalls,
Wild zu durchschwärmen die Luft. Kaum jetzt wird ihnen verwehret,
Da doch jeder für sich herweht aus gesonderter Gegend,
Daß sie die Welt nicht zerreißen: so uneins toben die Brüder.
Eurus entwich zu Aurora, zur nabathäischen Herrschaft,
Und zu dem Persergebiet, und den Höh'n am Lichte des Morgens
Hesperus, und die Gestade, von westlicher Sonne gewärmet,
Sind dem Zephyrus nah. Der schaudernde Boreas nahm sich
Szythia samt dem Wagen des Pols. Im entgegenen Lande
Trieft aus stetem Gewölk der regenstürmende Auster.
Oben verbreitet' er dann die geklärete Reine des Äthers,
Ohne Gewicht, und ganz von irdischer Hefe geläutert.
Kaum nun hatt' er das alles verzäunt in sichere Grenzen,
Als, die lange gepreßt in der wirrenden Masse sich bargen,
Alle Gestirn' anfingen hervorzuglühen am Himmel.
Daß auch keinerlei Raum lebendiger Wesen entbehrte,
Herrschen Stern' auf himmlischer Flur, und Gestalten der Götter;
Eigen ward das Gewässer den blinkenden Fischen zur Wohnung;
Tiere durchstreiften die Erd', und die Luft ein Gewimmel von Vögeln.
Aber ein heiligeres, hochherziger denkendes Wesen
Fehlt' annoch, das beherrschen die anderen könnte mit Obmacht.
Und es erhub sich der Mensch: ob ihn aus göttlichem Samen
Schuf der Vater der Ding', als Quell der edleren Schöpfung;
Oder ob frisch die Erde, die jüngst vom erhobenen Äther
Los sich wand, noch Samen enthielt des befreundeten Himmels.
Aber Japetus Sohn, mit fließender Welle sich mischend,
Bildete jen' in Gestalt der allversorgenden Götter.
Und da in Staub vorwärts die anderen Leben hinabschaun,
Gab er dem Menschen erhabenen Blick, und den Himmel betrachten
Lehret' er ihn, und empor zum Gestirn aufheben das Antlitz.
Also ward, die neulich so roh noch war und gestaltlos,
Umgeschaffen die Erde zum Wunderbilde des Menschen.
Die Weltalter
Erst entsproßte das goldne Geschlecht, das, von keinem gezüchtigt,
Ohne Gesetz freiwillig der Treu und Gerechtigkeit wahrnahm.
Furcht und Strafe war fern. Nicht lasen sie drohende Worte
Auf dem gehefteten Erz; nicht bang vor des Richtenden Antlitz
Stand ein flehender Schwarm: ungezüchtiget waren sie sicher.
Nie vom eignen Gebirg', um der Fremdlinge Welt zu besuchen,
Stieg die gehauene Fichte hinab in die flüssige Woge:
Außer dem ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade.
Noch umgürteten nicht abschüssige Graben die Städte.
Nicht die grade Drommete von Erz, noch gewundene Hörner,
Auch nicht Helm war jetzo, noch Schwert: und der Söldner entbehrend,
Lebeten nun sorglos in behaglicher Ruhe die Völker.
Selbst annoch, unbeschatzt, und dem Karst nie pflichtig, noch jemals
Wund vom schneidenden Pflug, gab freudiger alles die Erde;
Und mit den Speisen vergnügt, die sonder Zwang sich erhuben,
Pflückten sie Arbutusfrucht, und des Bergtals würzige Erdbeern,
Auch des rauhen Geranks Brombeer, und die rote Kornelle,
Und vom gebreiteten Baume des Jupiter fallende Eicheln.
Ewig waltete Lenz, und sanft mit lauem Gesäusel
Fächelten Zephyrus Hauche die saatlos keimenden Blumen.
Bald auch gebar Feldfrüchte der ungeackerte Boden,
Ohn' Auffrischung ergraute die Flur von belasteter Ähre.
Rings nun Bäche von Milch, rings walleten Bäche von Nektar;
Rings auch tröpfelte gelb aus grünender Eiche der Honig.
Als Saturnus versank in des Tartarus Dunkel, und herrschend
Jupiter lenkte die Welt; da erwuchs die silberne Zeugung,
Weniger köstlich denn Gold, doch mehr als rötliches Erz noch.
Jupiter engte nunmehr der Urwelt ewigen Frühling,
Sonderte Winter, und Gluten, und herbstliche Ungewitter
Vom kurzblühenden Lenz, und schuf vier Räume des Jahres,
Jetzo geschah, daß die Lüfte, von trockener Schwüle gesenget,
Glüheten, und vor dem Winde das Eis hartstarrend herabhing.
Jetzo suchten sie Häuser zum Schirm: ihr Haus war die Höhle,
Oder ein dichtes Gestaud', und mit Bast verbundene Reiser.
Jetzt ward Samen der Ceres in langgezogenen Furchen
Untergescharrt, und es seufzt' im drängenden Joche der Pflugstier.
Hierauf folgte das dritte Geschlecht, von eherner Zeugung,
Wütender schon von Natur, und gewandt zu schrecklichen Waffen;
Doch unsündig annoch. Darin schloß die eiserne Abart.
Stracks nun stürmte daher in die Zeit der schlechteren Ader
Jeglicher Greu'l: es entflohen die Scham, und die Treu', und die Wahrheit;
Deren Stell' einnahmen der laurende Trug und die Arglist,
Heimliche Tück', und Gewalt, und die frevelnde Sucht zu gewinnen.
Unbekannteren Winden entfaltete Segel der Schiffer;
Und da sie lang' untätig auf luftigen Bergen gestanden,
Wagten die Kiele den Sprung durch nie erkundete Wasser.
Auch die Erde, zuvor wie Luft und Sonne gemeinsam,
Zeichnete jetzt vorsichtig mit langer Grenze der Messer.
Auch nicht Saaten allein und schuldige Nahrung erzwang man
Herrisch vom reichen Gefild: man drang in die Tiefen der Erde,
Und wie sorgsam versteckt, und entrückt zu den stygischen Schatten,
Grub man die Schätze hervor, Anreizungen aller Verbrechen.
Schon war schädliches Eisen, und Gold, heilloser denn jenes,
Ausgewühlt; da erhub sich der Krieg, und kämpfte mit beidem;
Und in der blutigen Hand erschüttert' er rasselnde Waffen.
Nun lebt alles vom Raub, kein Gastfreund schonet den Gastfreund,
Noch der Eidam den Schwäher; auch liebende Brüder sind selten.
Meuchlerisch stellet das Weib dem Gemahl nach, dieser der Gattin;
Und Stiefmütter bereiten aus falbem Kraute den Gifttrank;
Selber auch späht voreilend der Sohn nach den Jahren des Vaters.
Frömmigkeit sank vor Gewalt; Asträa selber, die Jungfrau,
Floh, der Himmlischen letzte, die blutgefeuchteten Länder.
Lykaon
Als von den obersten Höh'n Saturnius schaute die Greuel,
Seufzet' er auf, und was, neulich geschehn, noch wenig bekannt war,
Denkend den gräßlichen Schmaus des lykaonischen Tisches,
Faßt' er im Geist endlosen und Jupiters würdigen Unmut.
Schleunig beruft er den Rat; und es eilt die berufne Versammlung.
Hoch erstreckt sich ein Weg, am heitern Himmel erscheinend,
Der, Milchstraße genannt, durch schimmernde Weiße sich ausnimmt.
Hierauf gehn die Götter zur Burg des donnernden Vaters,
Und in den Königspalast. Rechts wimmeln und links an dem Wege
Vorhöf' edeler Götter mit offener Pforte des Saales.
Abwärts wohnt die Gemeinde; doch vorn die Gewalten des Himmels,
Groß an Macht und berühmt, in geheiligten Wohnungen hausend.
Als sich die Oberen dort im marmornen Raume gesetzet,
Drauf, erhabner an Sitz, mit elfenbeinenem Zepter,
Schüttelte dreimal und viermal des Haupts graunvolle Umwallung
Jupiter, daß ihm die Erde, das Meer und der Himmel erbebten.
Also entströmte nunmehr unwilligen Lippen die Rede:
Nicht um die Weltherrschaft war sorgenvoller in jenem
Laufe der Zeit mein Herz, da der Schlangenfüßigen jeder
Hundert Arme beschloß zum eroberten Himmel zu heben.
Denn so wild auch tobte der Feind, so hing doch von einem
Stande des Reichs, von einer gemeinsamen Quelle, der Krieg ab.
Jetzo muß ich, so weit als Nereus hallt um den Erdkreis,
Ganz austilgen das Menschengeschlecht. Bei den Fluten des Abgrunds
Schwör' ich, die unter der Erd' im stygischen Haine sich winden:
Alles versucht' ich zuvor. Doch unausheilbaren Schaden
Müsse der Stahl abschneiden, daß nicht mitkranke Gesundes.
Hab' ich ja doch Halbgötter, und ländliche Mächte, die Nymphen,
Faunen und Satyre auch, und das Berggeschlecht der Silvane:
Diese, von uns noch nicht der olympischen Ehre gewürdigt,
Sollten zum wenigsten frei die verliehene Erde bewohnen.
Glaubet ihr aber genug, ihr Oberen, jene gesichert;
Da mir selbst, der den Donner, der euch handhabe und lenket,
Meuchlerisch nachgestellt, voll ruchtbarer Wildheit, Lykaon?
Ringsum braust die Versammlung; in glühendem Eifer verlangt man
Ihn, der solches gewagt. Mit Hand und Stimme bezähmte
Jupiter jenes Gemurmel; und lautlos saßen sie alle.
Als nun schwieg das Geschrei, durch Königswürde gebändigt,
Brach von neuem die Stille Saturnius, also beginnend:
Schon hat jener die Straf' (entschlagt euch der Sorge!) gebüßet.
Aber die Missetat und die ahndende Rache vernehmt jetzt.
Unsere Ohren erreichte der Ruf des verdorbenen Alters:
Diesen gefälscht mir wünschend, entschweb' ich den Höhn des Olympus,
Und durchspähe die Erd', ein Gott in menschlicher Bildung.
Säumnis wär' es, wie groß die Verschuldungen rings ich gefunden,
Aufzuzählen; es war das Gerücht selbst unter der Wahrheit.
Über den Mänalus ging ich, den struppigen Nährer des Wildes,
Über Cyllene daher, und die Fichtenhöh'n des Lycäus.
Jetzt in den unwirtbaren Palast des Arkaderkönigs
Trat ich hinein, als Nacht der späteren Dämmerung folgte.
Zeichen gab ich, ein Gott sei genaht; und die Menge begann mich
Anzuflehn. Erst lachte des Flehns und Gelübdes Lykaon.
Bald: Es entscheid' ein Versuch, so redet er, ob er ein Gott sei,
Oder ein sterblicher Mensch; hier gilt's ungezweifelte Wahrheit
Mich im Schlummer bei Nacht durch plötzlichen Tod zu verderben
Trachtet er: also gefällt's den Versuch zu machen um Wahrheit!
Noch nicht hatt' er genug: vom molossischen Volke gesendet
War ein Geißel daselbst; dem bohrt' er den Dolch in die Gurgel;
Und die zerhauenen Glieder, die halb noch lebenden, kocht' er
Teils in siedender Flut, teils brät er sie über dem Feuer.
Wie er das Mahl auftischte, da warf ich mit rächendem Strahle
Auf die Penaten das Haus, die würdig waren des Eigners.
Doch der Erschrockene flieht; und die Stille der Flur nun erreichend,
Heulet er auf, und müht sich umsonst zu reden; es sammelt
Wut von ihm selber der Mund; und er rennt in gewöhnlicher Mordlust
Gegen das schwächere Vieh, und freut sich auch jetzo des Blutes.
Rauh in Zotten zergehn die Gewand', und in Beine die Arme.
Auch als Wolf behält er die Spur der vorigen Bildung:
Gleich ist die Gräue des Haars, und gleich der Trotz in dem Antlitz,
Gleich der funkelnde Blick, und gleich die Gebärde der Wildheit.
Hin ist geschwunden das Haus; doch nicht ein Haus nur verdient es,
Unterzugehn. Wo die Erde sich ausstreckt, tobt die Erinnys.
Alles rennt, wie verschworen zum Unheil. Alle sogleich denn
Sollen uns, was sie verdient, so will's die Gerechtigkeit, büßen!
Jupiters Rede verstärkt ein Teil durch Worte, die mehr noch
Fachen des Zürnenden Glut, die anderen deuten ihm Beifall.
Deukalion
Jetzo beschloß der Vater, das frevle Geschlecht zu vertilgen
Unter der Flut, Platzregen vom ganzen Himmel entsendend.
Eilig sperrt er nunmehr in des Äolus Höhlen den Nordwind,
Und was sonst für Hauche den Zug der Gewölke verscheuchen.
Notus allein wird gesandt: und mit triefenden Schwingen entfleucht er,
Sein scheusäliges Haupt pechschwarz in Dunkel gehüllet;
Schwarz von Güssen der Bart; den greisenden Haaren entströmt Flut;
Nebel umlagern die Stirn, ihm taut's von Gefieder und Busen;
Und wie in breiter Hand abhängende Wolken er drückte,
Donnert es; dicht nun stürzen die Regenschauer vom Äther.
Auch die Botin der Juno, mit mancherlei Farben bekleidet,
Iris schöpft nun Gewässer, und reicht den Wolken die Nahrung.
Schon sind die Saaten gestreckt, schon liegen beweint des Bestellers
Wünsch' und Gelübd', und des Jahrs langwieriger Schweiß ist verloren.
Nicht vorn Himmel allein zürnt Jupiter; sondern ihm sendet
Sein blaulockiger Bruder des Meers mithelfende Fluten.
Schnell die Götter der Ströme berufet er. Als sie versammelt
Nun den Palast anfüllten des Königes: Langer Ermahnung,
Sprach er, bedürfen wir nicht. Willfahrt mit aller Gewalt nun!
Solches ist not! Eröffnet die Wohnungen eures Gestrudels,
Räumt die Dämme hinweg, und spornt die entzügelten Ströme!
Jener gebot's, sie kehren zurück, und lösen der Quellen
Mündungen; und mit Getümmel entrollen sie all in die Meerflut.
Selbst nun schwang in die Feste der Gott den gewaltigen Dreizack;
Und sie erbebt', und spaltet Raum weitbusigen Wassern.
Über die Bord' entstürzen durch offene Felder die Ströme;
Und mit der Saat Weinbäume zugleich, und das Vieh, und die Männer
Raffen sie, Wohnungen auch, und der Götter geheiligte Kammern.
Wenn ja der Häuser noch eins ausdauerte, und unerschüttert
Trotzte dem Jammergeschick; doch überwallte den Giebel
Höhere Flut, und es wankten im drückenden Strudel die Türme.
Nirgend erschien durch Grenzen das Meer und die Erde gesondert:
Offene See war alles, und flutete sonder Gestad' auf
Einer erklimmt den Hügel voll Angst; der andere rudert
Dort im gebogenen Kahn, wo er jüngst Pflugstiere gelenket.
Über die Saaten hinweg und das eingesunkene Landhaus
Schiffen sie dort und fangen den Fisch in dem Wipfel der Ulme.
Oft, wie es trifft, wird der Anker in grünende Wiesen geheftet,
Oft auch scharrt anstoßend der Kiel an dem unteren Weinberg.
Und wo eben ihr Gras die schmächtigen Ziegen gerupfet,
Lagern jetzt den gedunsenen Leib mißförmige Robben.
Nereus' Töchter erstaunen, die Hain', und die Städt', und die Häuser
Unter den Wellen zu sehn; in dem Bergwald hausen Delphine,
Springen in hohem Gezweig' und stoßen an bebende Eichen.
Schafe durchschwimmet der Wolf; gelbmähnige Löwen und Tiger
Führet die Flut; nichts frommt die Gewalt des Blitzes dem Eber,
Nichts dem enttragenen Hirsche der leichtgehobene Schenkel.
Lange nach Erd' umbiegend, wo auszuruhen vergönnt sei,
Sinkt mit ermatteten Schwingen ins Meer der streifende Vogel.
Über die Höh'n stieg tobend der Tief' unermeßlicher Aufruhr,
Und von befremdender Brandung erscholl das geschlagene Berghaupt.
Meist entrafft das Gewoge die Sterblichen: welcher die Woge
Schonete, diese bezähmt mit dürftiger Nahrung der Hunger.
Zwischen Hämonias Flur und der attischen breitet sich Phokis,
Ehmals fruchtbares Land, da es Land war; aber anjetzo
Meer, und ein breites Gefilde der schnell einbrechenden Wasser.
Siehe, da klimmt zu den Sternen ein Berg mit doppeltem Gipfel.
Schroff, Parnassus genannt, und überschauet die Wolken.
Als Deukalion hier (denn das übrige deckte die Meerflut)
Samt dem vermähleten Weib anhaftete, fahrend im Schifflein;
Flehn den korycischen Nymphen sie beid' und den Mächten des Berges,
Themis auch, der erhabnen Verkündigerin am Orakel.
Nie war besser gesinnt, noch mehr auf Billigkeit achtend,
Irgendein Mann, nie frömmer ein Weib in Verehrung der Götter.
Jupiter, der weitsumpfend den überschwemmeten Erdkreis,
Und nur überig sah von so viel Tausenden einen,
Und nur überig sah von so viel Tausenden eine:
Ganz unsträflich sie beid', und beid' Anbeter der Gottheit,
Trieb die zerstreuten Gewölk', und, die regnenden Lüfte mit Nordwind
Reinigend, zeigt er dem Himmel die Erd', und der Erde den Himmel.
Ausgezürnt hat endlich das Meer. Hinlegend den Dreizack,
Sänftigt der Herrscher die Wog'; und ihn, der empor aus dem Abgrund
Ragte, die Schulter bedeckt mit angewachsenen Muscheln,
Ruft er, den bläulichen Triton, heran; und die Schneckendrommete
Heißt er ihn füllen mit Hauch, und zurück durch lautes Geschmetter
Brandungen rufen und Ström'. Er faßt das gehöhlete Meerhorn,
Welches gedreht in die Breit' anwächst von der untersten Windung:
Welches Horn, wann Atem auch mitten im Meer es empfangen,
Alle Gestad' umhallt vom Niedergang bis zum Aufgang.
Jetzt auch, sobald es den Mund im triefenden Taue des Bartes
Rührte dem Gott, und gehaucht ausrief den befohlenen Rückzug,
Ward es von allem Gewässer der Land' und der Meere gehöret;
Und so weit das Gewässer es hörete, ward es gebändigt.
Schon hat Ufer das Meer; voll wallen die Ström' in den Betten;
Niedriger rollen die Bäche; hervor gehn sichtbar die Hügel;
Mählich steigt das Gefild', und wächst aus versiegenden Wassern;
Und nach daurender Frist hebt endlich der Wald die entblößten
Wipfel empor, und zeigt nachbleibenden Schlamm auf den Blättern.
Hergestellt war die Erde. Doch jetzt die Leere betrachtend,
Und wie in Totenstille der Welt Einöde verstummt war,
Sprach Deukalion so mit quellender Träne zu Pyrrha:
O du, Schwester und Weib, du einzige jetzo der Frauen,
Welche gemeinsamer Stamm mir erst, und vervetterte Sippschaft,
Dann das Lager verband, nun selbst die Gefahr mir verbindet!
Rings in den Landen der Welt, die der Morgen bestrahlt und der Abend,
Sind wir beide das Volk; das übrige raubte die Meerflut!
Nicht ist auch noch jetzo die Sicherheit unseres Lebens
Völlig gewiß; uns schrecken hinfort noch Wolken die Seele.
Was, wenn ohne den Gatten verschont dich hätte das Schicksal,
Was, Unglückliche, wäre dein Mut? Wie könntest du einsam
Dann ertragen die Angst? durch wessen Tröstung den Kummer?
Denn ich (glaube mir das), wenn dich auch hätte der Abgrund,
Folgete dir, o Gattin, und mich auch hätte der Abgrund!
Könnt' ich doch die Völker der Welt durch Künste des Vaters
Wieder erneu'n, mit Seelen gebildete Erde belebend!
Wir nun sind, wir beide, der Rest des Menschengeschlechtes,
(Also gefiel's dort oben!) und Beispiel' unserer Gattung!
Jener sprach's; sie weinten. Der Schluß war jetzo, die Gottheit
Anzuflehn, und Hilfe durch heilige Lose zu suchen.
Ohne Verzug nahn beide sofort den cephisischen Wassern,
Noch nicht lautere Bäche, doch schon bekannte, durchwatend.
Als sie nunmehr dem Sprudel entschöpfete Taue gesprenget
Auf die Gewand' und das Haupt; zum Tempel der heiligen Göttin
Wenden sie jetzo den Schritt: dem oben das Dach in des Mooses
Schändendem Wuste sich barg, und glutlos jeder Altar stand.
Dann den geweiheten Stufen genaht, sank nieder aufs Antlitz
Mann und Weib, und küßte das kalte Gestein mit Erzittern.
Und: Wenn billigem Flehn, so sagten sie, himmlische Mächte
Freundlich erweichen ihr Herz, wenn Zorn der Götter gebeugt wird;
Sag', o Themis, wodurch der Verlust der Sterblichen heilbar
Sei, und rette die Welt, o du Gütige, nun aus der Sintflut!
Aber die Göttin, gerührt, antwortete: Weicht aus dem Tempel;
Hüllt euch beide das Haupt, und löst die gegürteten Kleider;
Werft sodann die Gebeine der großen Erzeugerin rückwärts.
Lange stauneten sie; nun brach die schweigende Stille
Pyrrha zuerst, und versagte dem Götterspruche Gehorsam;
Und um Verzeihung bittet ihr ängstlicher Mund, wenn sie schaudre,
Durch zerstreutes Gebein der Erzeugerin Schatten zu kränken.
Beide durchdenken indes die in wirrendes Dunkel gehüllten
Worte des göttlichen Spruchs, und erwägen sie wohl miteinander.
Dann zur Epimethide begann der Sohn des Prometheus
Also mit sanfterem Laut: Entweder uns täuscht die Besinnung,
Oder Frömmigkeit will, nicht Freveltat, das Orakel.
Zeugerin ist ja die Erd', und die Stein' in dem Leibe der Erde
Sind, wie mir deucht, das Gebein: dies sollen wir hinter uns werfen.
Ihres Gemahls Auslegung vernahm zwar froh die Titanin,
Nur war in Zweifel die Hoffnung: so sehr mißtrauen sie beide
Noch dem Göttergebot. Doch harmlos wird der Versuch sein.
Talwärts gehn sie, verhüllen das Haupt, und entgürten die Kleider,
Heben gebotene Stein', und werfen sie hinter den Rücken.
Alles Gestein (wer glaubt' es, wofern nicht zeugte die Vorwelt?)
Legte die Härt' allmählich nun ab, und die trotzende Starrheit,
Schmeidigte mehr sich und mehr, und geschmeidiger nahm es Gestalt an.
Bald, als wachsend es schwoll, und mild schon seine Natur sich
Äußerte, schien es beinah, wie einige, noch unenthüllte
Menschengestalt; doch so, wie von angehauenem Marmor,
Nicht vollendet genug, und roheren Bildnissen ähnlich.
Welcher Teil des Gesteins mit etwas Safte gefeuchtet
War, und der Erde verwandt, der gab dem Leibe die Glieder;
Festeres, was unbiegsamer starrt, wird in Knochen verwandelt;
Was als Ader erschien, das bleibt gleichnamige Ader.
Und nur wenige Frist, so gewann durch Gnade der Götter
Alles Gestein, das der Mann aussendete, männliche Bildung,
Und dem Wurfe des Weibes entblühete weibliche Schönheit.
Drum sind wir ein hartes Geschlecht, ausdauernd zur Arbeit;
Und wir geben Beweise, woher wir zogen den Ursprung.
Daphne
Phöbus liebte zuerst die peneïsche Daphne: wofür nicht
Blindes Geschick ihn entflammt, nein wütender Zorn des Kupido.
Delios schaut' ihn neulich, noch stolz von der Schlange Besiegung,
Als er das schnellende Horn einbog mit gestrengeter Senne;
Und: Was soll, mutwilliger Knab', ein so tapfres Gerät dir?
Spottet' er: das zu tragen geziemt nur unseren Schultern,
Die wir scharf das Gewild und scharf die Feinde verwunden!
Die wir ihn, der Hufen mit gräßlichem Bauche belastet,
Jüngst mit unzählbaren Pfeilen gestreckt, den geschwollenen Python!
Wenn dein Fackelchen dir, ich weiß nicht, welcherlei Liebe
Aufreizt, sei du vergnügt, ohn' unseren Ruhm zu begehren!
Drauf der Cypria Sohn: Und trifft dein Bogen, o Phöbus,
Alles; der meinige dich! So weit dir alles, was lebet,
Nachsteht, ebensoweit verschwindet dein Ruhm vor dem unsern!
Amor sprach's; und die Luft mit geschwungenen Fittichen schlagend,
Kam er in Eil', und stand auf dem schattigen Haupt des Parnassus.
Und er enthob zween Pfeile dem schmerzbeladenen Köcher,
Beide verschiedener Kraft: der scheucht, und jener erregt Glut.
Der sie erregt, ist golden, und blinkt mit spitziger Schärfe;
Der sie verscheucht, ist stumpf, und enthält Blei unter dem Rohre.
Diesen entsandte der Gott der peneïschen Nymphe; doch jenen
Schnellet' er durch die Gebein' in das innerste Mark dem Apollo.
Stracks ist einer verliebt; und den Liebenden meidet die andre,
Nur an Gehölz, und an Jagd, und an prangender Beute des Wildes,
Labend ihr Herz, nacheifernd der stets unbräutlichen Phöbe.
Jüngferlich fesselt ein Band die gesetzlos hängenden Haare.
Viel zwar warben um jene; doch sie, den Werbenden abhold,
Flüchtig und scheu vor dem Manne, durchstreift Einöden der Wälder;
Und nicht Hymen noch Amor bekümmert sie, noch die Vermählung.
Oftmal sagte der Vater: Gewähre mir, Tochter, den Eidam!
Oftmal sagte der Vater: Mein Kind, gewähre mir Enkel!
Jene, die gleich dem Verbrechen die ehliche Fackel verabscheut,
Färbt ihr schönes Gesicht mit schamhaft glühender Röte;
Und um den Hals dem Vater die schmeichelnden Arme geschlungen:
Gib mir, sprach sie, beständig, Geliebtester unter den Vätern,
Mädchen zu sein! Dies gab ihr Vater vordem der Diana!
Zwar willfährt dir jener; doch hemmt dir, Mädchen, die Anmut
Deinen Wunsch, und es strebt dem Gelübd' entgegen die Schönheit.
Phöbus liebt, und begehrt der gesehenen Daphne Vereinung;
Was er begehrt, das hofft er; ihn täuscht sein eignes Orakel.
Wie nach genommener Ähre die nichtige Stoppel verbrannt wird;
Wie von der Fackel der Zaun aufflammt, die der Wanderer sorglos
Näherte, oder vielleicht in dämmernder Frühe hinwegwarf:
Also entbrannt' in Flamme der Gott; durch Mark und Gebeine
Lodert er auf, und nährt unfruchtbare Liebe mit Hoffnung.
Kunstlos schaut er das Haar um den Hals ihr schweben: O was erst,
Rufet er, wär' es gelockt! Er sieht, voll strahlenden Feuers,
Äugelein, hell wie Gestirn; er sieht das rosige Mündlein,
Was nicht genüget zu sehn; er lobt die Finger und Hände,
Lobt die gerundeten Arm', und die halb vorscheinende Achsel.
Besser scheint das Verborgene noch. Sie entflieht, wie des Windes
Hauche dahin, nicht achtend des Flehenden, der sie zurückruft:
Bleib, peneïsche Göttin, o bleib! nicht feindlich verfolg' ich!
Göttliche, bleib! So fliehet das Lamm vor dem Wolfe, die Hindin
So vor dem Leun, und die Taube mit zitterndem Flug vor dem Adler;
Jedes dem Feind zu entgehn: mich nötiget Liebe zu folgen.
Wehe mir! falle doch nicht; und die Füß', unwürdig der Kränkung,
Ritze kein Dorn! nicht sei ich dir selbst Ursache des Schmerzes!
Rauh sind dort, wo du eilest, die Gegenden: mäßiger, fleh' ich,
Lauf', und hemme die Flucht; dann mäßiger folg' ich dir selber.
Wem du gefällst, erkundige doch! Nicht haus' ich in Berghöhn,
Nicht hier schalt' ich als Hirt, nicht weidende Rinder und Schafe
Hüt' ich in wüster Gestalt! Nicht weißt du es, Törin, du weißt nicht,
Welchen du fliehst: das macht dich entfliehn! Mir huldiget Delphos,
Klaros und Tenedos mir, und die pataräische Hauptstadt!
Jupiter zeugete mich! Was war, was ist, und was sein wird,
Weissag' ich, und heiße das Lied einstimmen den Saiten!
Treffend ist unser Geschoß; nur war ein einziger Pfeil noch
Treffender, welcher die Wund' in das ruhige Herz mir gebohret!
Ich erfand die heilende Kunst; Heilbringer und Retter
Nennt mich die Welt; und die Kraft der Genesungskräuter gehorcht mir!
Ach, kein linderndes Kraut erwächst für die Gluten der Liebe,
Und nichts frommt dem Besitzer die Kunst, die allen umher frommt!
Mehreres strebt' er zu reden; da ängstlichen Laufs die Penidin
Floh, und mit jenem verließ die unvollendeten Worte.
Hold erschien sie auch jetzt; es enthülleten Winde die Glieder,
Vor dem begegnenden Hauch entflatterten ihre Gewande,
Und ihr wallte das Haar rückwärts in dem leisen Gesäusel.
Eile vermehrte den Reiz. Nicht trug's der unsterbliche Jüngling,
Daß er noch länger umsonst liebkosete; sondern wie Amor
Antrieb, folgt' er den Spuren mit angestrengterem Schritte.
Wie wenn der gallische Hund im freieren Felde den Hasen
Sah, und jener um Raub sich beschleuniget, dieser um Rettung;
Immer erscheint anhaftend der Hund, nun, nun zu erhaschen
Hofft er, und streitet die Spur mit weit vorragendem Maule;
Jener dünkt sich beinah ein Gefangener, aber er reißt sich
Selbst aus den Bissen hinweg, und verläßt den berührenden Rachen:
Also der Gott und das Weib, die vor Angst hinstürmen und Sehnsucht.
Doch der Verfolgende rennt, wie mit Amors Fittichen fliegend,
Schneller daher, und versaget ihr Ruh; schon nahe dem Rücken
Hängt er, und atmet den Hauch in die fliegenden Haare des Nackens.
Jetzt, nach geschwundener Kraft, erblaßte sie, matt von der Arbeit
Jenes geflügelten Laufs, und schauend die Flut des Peneos:
Rette mich, rief sie, o Vater, wenn Macht euch Ströme beseelet!
Du, wo zu sehr ich gefiel, zerspalte dich unter mir, Erde!
Oder verwandele diese Gestalt, die mir Kränkungen bringet!
Kaum war geendet das Flehn; und gelähmt erstarren die Glieder.
Zarter Bast umwindet die wallende Weiche des Busens;
Grün schon wachsen die Haare zu Laub', und die Arme zu Ästen;
Auch der so flüchtige Fuß klebt jetzt am trägen Gewurzel;
Und ihr umhüllt der Wipfel das Haupt: nur bleibt ihr die Schönheit.
Phöbus liebt auch den Baum; und mit angelegeter Rechte
Fühlet er noch aufheben in junger Rinde den Busen.
Und mit zärtlichen Armen die Äst', als Glieder, umschlingend,
Reicht er Küsse dem Holz; doch entflieht vor den Küssen das Holz auch.
Jetzo sagte der Gott: Da du mein als Gattin nicht sein kannst,
Wenigstens sei als Baum du die Meinige! Immer umwind' uns
Du das Haar, und die Leier, und du den Köcher, o Lorbeer!
Du sei dem latischen Führer gesellt, wann froh der Triumphton
Hallt, und ein langer Zug hochfeierlich zum Kapitol steigt!
Selbst augustischen Pfosten hinfort der treueste Hüter,
Sollst an der Pforte du stehn, die umschlossene Eiche beschützend!
Und, wie jugendlich blüht mein ungeschorenes Haupthaar,
Trag' auch du beständig die dauernde Ehre des Laubes!
Päan endigte so; der jüngst entsprossene Lorbeer
Nickte dazu, und schien wie ein Haupt zu bewegen den Wipfel.
Io
Einen hämonischen Hain, dem ringsher starret ein Bergwald,
Nennt man tempische Tale: wodurch Peneos, vom untern
Pindus hervorgestürzt, mit schaumigen Wogen einherrollt,
Und in gewaltigem Fall von flüchtigen Dämpfen umwallte
Wolken zusammenzieht, und hoch mit Bespritzung die Wälder
Übertaut, mit Getöse nicht bloß das Nähere müdend.
Hier ist Wohnung und Sitz, hier stehn die Gemächer dem großen
Stromgott: hausend allhier in der felsgewölbeten Grotte,
Gab er den Wogen Gesetz, und dem Nymphengeschlecht in den Wogen.
Dorthin kamen zuerst die versammelten Ströme des Landes,
Zweifelnd, ob Trost sie dem Vater, ob Glückwunsch, brächten um Daphne:
Dort Spercheos in Pappeln, und dort der Stürmer Enipeus,
Greisend Apidanos auch, und sanft Amphrysos und Äas;
Bald auch andere Ströme, die, wo sie das wilde Gelust trug,
Niederlenken ins Meer die der Windungen müden Gewässer.
Inachus fehlet allein. Denn tief in der Grotte verborgen,
Mehrt er mit Tränen die Flut: voll Schmerz, als eine Verlorne,
Klaget er Io, die Tochter. Er weiß nicht, ob sie noch lebe,
Ob bei den Manen sie sei. Doch sie, die er nirgendwo findet,
Scheint ihm nirgend zu sein; und er hegt nur düstere Ahnung.
Jupiter schaute jüngst, wie zurück vom Strome des Vaters
Io ging, und: o Mädchen, die, Jupiters würdig, ich weiß nicht,
Welchen Gemahl beseligen wird, komm, sprach er, zum Schatten
Jenes erhabenen Hains (und er wies den Schatten des Haines),
Während der Glut, die Sol von der Mittagshöhe daherstrahlt.
Wenn du zagest allein in die Lager zu gehn des Gewildes;
Sicher geleitet ein Gott dich tief ins geheimere Dunkel:
Und kein niedriger Gott; nein, der den Zepter des Himmels
Hält in gewaltiger Hand, der schlängelnde Strahlen entsendet.
Fliehe mich nicht! Denn sie floh. Schon Lernas grasige Weiden
Ließ sie zurück, und die Felder des baumbepflanzten Lyrkeos,
Siehe, da hüllte der Gott in umzogene Nacht die Gefilde
Weit umher, und hemmte die Flucht, und beschämte die Jungfrau.
Grad indessen herab auf die Gegenden schauete Juno.
Voll Verwunderung nun, wie aus flüchtigem Nebel gedrängt sei
Dunkele Nacht in der Helle des Tages, erkennet sie deutlich,
Daß kein Fluß das Gedünst, kein sumpfiges Land es gesendet.
Und, wo ihr Ehegenoß sich beschäftige, spähet sie ringsum,
Weil sie die Schliche verstand des oft ertappten Gemahles.
Als sie nirgend im Himmel ihn schauete: Trügt mich nicht alles,
Sprach sie, so werd' ich gekränkt! und im Schwung aus der Höhe des Äthers
Fuhr sie zur Erde hinab, und ein Wort verscheuchte den Nebel.
Ahnend der Gattin Besuch, verwandelte Jupiter plötzlich
Zur hellschimmernden Starke die inachidische Jungfrau.
Auch als Kuh ist jene noch schön. Saturnia lobet,
Ungern zwar, die Gestalt, und fragt, unkundig zum Anschein,
Wessen sie sei, und woher, und zu welcherlei Trift sie gehöre?
Aus der Erde gezeugt! lügt Jupiter, daß die Erkundung
Endige. Schenke sie mir! antwortet Saturnia schmeichelnd.
Was zu tun? Die Geliebte hinwegzuschenken, wie grausam!
Nicht zu verleihn, wie verdächtig! Ihn drängt zuratende Scham hier,
Dort abratende Liebe. Die Scham zwar wiche der Liebe:
Doch würd' ein leichtes Geschenk der Genossin des Stamms und des Lagers,
Eine Kuh, ihr versagt; nicht Kuh dann möchte sie scheinen.
Juno empfing die schöne Verführerin; dennoch entschwand nicht
Ganz ihr die Furcht; sie besorgte von Jupiter heimliche Tücke:
Bis sie Arestors Sohne die Hut vertraute, dem Argos.
Rings war das Haupt dem Argos mit hundert Augen erleuchtet,
Deren zween umeinander die wechselnde Ruhe genossen;
Wachsam spähten indes die übrigen, haltend die Obhut.
Wie er auch immer sich stellt', er schauete immer auf Io;
Und vor den Augen erschien, auch selbst dem Gewendeten, Io.
Weiden läßt er sie tags; doch sinkt die Sonne vom Himmel,
Schließt er sie ein, und fügt unwürdige Band' um den Nacken.
Sprossen des Erdbeerbaums und bittere Kräuter genießt sie;
Statt der schwellenden Lager, ein oft nicht grasiger Boden,
Dient der Armen zur Ruh'; und sie trinkt aus schlammigen Bächen.
Wann sie flehend die Händ' emporzustrecken zum Argos
Trachtete, hatte sie nicht emporzustreckende Hände;
Und wann Klagen ihr Mund anstimmete, scholl ein Gebrüll auf;
Und sie erschrak dem Getön, vor dem eigenen Laute sich fürchtend.
Jetzo kam sie zum Ufer, wo oft zu spielen sie pflegte,
Zum inachischen Ufer: sobald in der Flut sie die neuen
Hörner gesehn, da erschrak sie, und zuckte bestürzt vor sich selber.
Keine Najad' erkennt, nicht Inachus selber erkennt sie;
Dennoch folgt dem Vater sie nach, und folget den Schwestern,
Läßt sich auch gern anfühlen, und kommt den bewundernden näher.
Inachus reicht ihr gerupfetes Gras, der altende Stromgott;
Jene leckt ihn am Knöchel, und küßt die Hände des Vaters.
Kaum auch hält sie die Trän', und wenn die Worte nur folgten,
Ach, so flehte sie Hilf', und meldete Namen und Schicksal.
Aber ein sprechender Zug, den der Fuß im Staube gezeichnet,
Gab die traurige Kunde des umgewandelten Leibes.
Weh mir Armen, o weh! ruft Inachus; und an den Hörnern
Hangend der seufzenden Kuh, ihr den schneeigen Nacken umschlingend:
Weh mir! erneut er den Ruf. Bist du's, die in allen Gefilden,
Trautes Kind, ich gesucht? O du Nichtgefundene warst mir
Weniger Gram, denn entdeckt! Du schweigst, und versagest die Antwort
Unserem Wort; nur Seufzer, gepreßt aus der Tiefe des Herzens,
Gibst du, und, was du vermagst, dem Redenden brummst du entgegen!
Ich Unwissender sorgte für Hochzeitkammer und Brautkien,
Hoffend von dir den Eidam zuerst, dann blühende Enkel!
Jetzt von der Herd' ist ein Mann, von der Herd' ein Geschlecht dir beschieden?
Auch nicht endigen darf ich durch Tod mein Leiden; zum Unheil
Bin ich unsterblicher Gott! die verschlossene Pforte des Todes
Dehnt von Ewigkeit uns zu Ewigkeit dauernden Jammer!
So wehklaget der Greis; da entfernt ihn der funkelnde Argos,
Reißt von dem Vater sein Kind, und hinweg in entlegene Weiden
Schleppt er sie. Selber sodann abwärts auf ragendem Berghaupt
Wählt er den Ort, wo er sitzend die Gegenden alle durchspähet.
Jupiter, der nicht länger die Qual der phoronischen Jungfrau
Duldete, rief nun den Sohn, den ihm die helle Plejade
Einst gebar, und befahl, durch Mord zu vertilgen den Argos.
Ohne Verzug ist die Fers' ihm gefittichet, und in der Rechten
Sein schlafbringender Stab, und der schirmende Hut um die Haare.
Als er solches vollbracht, sprang Jupiters Sohn von des Vaters
Burg zu der Erde hinab. Dort legt' er den schirmenden Hut ab,
Auch die Flügel entfernt' er, und trug nur den Stab in den Händen.
Hiermit treibt er als Hirt durch wildernde Fluren die Ziegen,
Die er im Kommen geraubt, und bläst die geordneten Halme.
Zauberisch klang das neue Getön dem Junonischen Hüter:
Wer du auch seist, rief Argos, du könntest mit mir auf dem Felsen
Wohl ein weniges ruhn; denn üppiger wächst für die Herde
Nirgend das Gras; und den Hirten erfreut, wie du siehst, die Umschattung.
Neben ihm saß der atlantische Gott; durch mancherlei Reden
Hielt er den gehenden Tag; und die wohlvereinigten Rohre
Blasend, versucht er in Schlaf die bewachenden Augen zu tönen.
Jener sträubt sich indes dem sanfteinwiegenden Schlummer,
Und, wenn schon in Betäubung ein Teil der Augen dahinsank,
Wacht doch der andere Teil. Auch fraget er, denn die Syringe
War erst neulich entdeckt, auf welcherlei Art sie entdeckt sei.
Drauf erzählte der Gott: In Arkadiens kalten Gebirgen
War die berühmteste einst der nonakrischen Hamadryaden
Eine Najad' an Gestalt; die anderen nannten sie Syrinx.
Oft vereitelte sie nachstellender Satyre Hoffnung,
Und was sonst für Götter im schattigen Wald und im Fruchtfeld
Wohnen. Sie dienete treu der ortygischen Göttin mit Jagdlust
Und jungfräulichem Sinn. Auch geschürzt nach der Weise Dianas,
Täuschte sie leicht, und gölte sogar für Latonia, wenn nicht
Diese von Horn ein Geschoß, nicht jen' ein goldenes trüge.
So auch täuschte sie noch. Als einst vom Lykäus sie heimging,
Schauet sie Pan, und das Haupt mit stachlichter Fichte gegürtet,
Redet er. - Überig war, die geredeten Worte zu melden;
Und wie verachtend die Nymph' unwegsame Wüsten hindurchfloh,
Bis zum ruhigen Strom des sandigen Ladon sie endlich
Flüchtete, und, als dort ihr den Lauf abschnitten die Wasser,
Um Verwandelung bat die lauteren Schwesternajaden;
Und wie Pan, da er eben gehascht nun glaubte die Syrinx,
Statt der blühenden Nymphe das Rohr umarmte des Sumpfes;
Und, weil seufzend er stand, wie die wallenden Wind' in dem Rohre
Leises Geflüster erregt, der lispelnden Klage nicht ungleich;
Dann wie der Gott im Entzücken der neuerfundenen Tonkunst:
Diese Vereinigung soll mit dir mir bleiben! gesaget,
Und wie so, durch bindendes Wachs abstufende Rohre,
Wohl aneinander gereiht, des Mägdeleins Namen behielten.
Solches zu melden bereit, sah schon der Cyllenier sämtlich
Hingesunken die Augen, und tief umschattet von Schlummer.
Plötzlich hemmt er die Stimm', und kräftiger jene Betäubung,
Sanft mit zaubrischem Stabe die schmachtenden Augen berührend.
Rasch den Nickenden haut er mit sichelförmigem Säbel,
Dort wo dem Hals angrenzet das Haupt; und den Blutenden stürzt er
Nieder vom Fels, und rötet die zackige Klippe hinunter.
Argos, du ruhst, und das Licht, das so vielfach leuchtend dir strahlte,
Ward gelöscht; und zugleich die hundert Augen umhüllt Nacht.
Aber sie nimmt, und verschont dem Lieblingsvogel die Federn,
Juno, den Schweif anfüllend mit farbiger Steine Gefunkel.
Schleunig entbrannt' ihr das Herz, und sie eilte den Zorn zu vollenden.
Schweben vor Augen und Geist die Schreckengestalt der Erinnys
Hieß sie dem Mädchen von Argos, und drängt ihr Stacheln des Wahnsinns
Tief in die Brust, und scheuchte sie wild durch die Lande der Welt hin.
Du warst übrig zuletzt dem unendlichen Leiden, o Nilus.
Als sie auch diesen berührt', und matt an dem Borde des Ufers
Sank, die Kniee gebeugt, und, rückwärts hebend den Nacken,
Was allein sie vermochte, das Antlitz streckte zum Himmel,
Und mit Geseufz und Tränen und dumpf aufbrummender Wehmut
Jupiters Härt' anklagt', und ein End' erflehte des Jammers;
Jetzo seiner Gemahlin den Hals mit den Armen umschlingend,
Bittet er, daß sie die Strafe doch endige: Und für die Zukunft,
Saget er, zähme die Furcht: nie wird Ursache des Schmerzes
Jene dir sein; dies höre die Flut des stygischen Sumpfes!
Völlig gesühnt ist die Göttin; da kehrt in die vorige Bildung
Io, und wird, was sie war. Es entfliehn von dem Leibe die Zotten;
Mählich verwächst das Gehörn; dem Auge wird enger die Rundung;
Menschlicher zieht sich der Rachen; verjüngt blühn Schultern und Hände;
Und es zerspaltet die Klau' in fünf auslaufende Zehen.
Nichts von der Kuh ist übrig an ihr, die weiße Gestalt nur.
O wie vergnügt die Nymphe mit zwei aufstrebenden Füßen
Jetzo sich hebt, doch zu reden noch zagt, daß Rindergebrüll nicht
Schalle: vor Furcht abbrechend das Wort, und wieder versuchend!
Hoch nun prangt sie als Göttin im Volk leintragender Männer.
Zweites Buch
Phaeton
Jupiters Sohn, wie man glaubt, war Epaphus, welchen ihm Io
Fern in Ägyptus gebar: wo, der Mutter gesellt, er in Städten
Tempel beherrscht'. Ihm war gleichalterig, gleich an Gesinnung,
Phaethon, stammend von Sol. Als der mit prahlender Rede
Trotz ihm bot, hochmütig des Vaters Phöbus sich rühmend,
Trug's nicht Inachus Enkel: Du glaubst doch, sprach er, der Mutter
Alles, o Tor; und blähst dich vom Schein des falschen Erzeugers.
Phaethon glüht' im Gesicht; doch hemmte den Zorn die Beschämung;
Und zur Klymene flog er, des Epaphus Lästerung meldend.
Daß du, o Mutter, es fühlst; sieh, redet er, ich Ungebundener,
Ich Auffahrender schwieg! Es beschämt, daß solcherlei Schmähung
Einer wie wir anhören, und nicht abfertigen konnte!
Doch du, wenn ich gewiß aus himmlischem Samen gezeugt bin,
Gib mir Beweis so hohen Geschlechts, und erhalt' mich dem Himmel!
Phaethon sprach's, und umschlang der Gebärerin Hals mit den Armen;
Und bei dem eigenen Haupt, und des Merops Haupt, und der Schwestern
Hochzeitfackel beschwur er, ihm wahr zu bezeichnen den Vater.
Klymene weniger nicht von Phaethons Flehn, wie vom Zorne
Aufgeregt der gehörten Beschuldigung, streckte die Arme
Beide zum Himmel empor; und das Licht der Sonne betrachtend,
Sagte sie: Ja bei dem Glanze der schimmernden Herrlichkeit oben
Schwör' ich dir, trautester Sohn, die uns anhöret und siehet:
Er dort welchen du schaust, er dort, der Ordner des Kreislaufs,
Zeugte dich, Sol! Ist Erdichtung mein Wort, dann weigere jener
Selbst sich mir; dann tag' es zuletzt heut unseren Augen!
Auch nicht lang ist die Mühe, den Vaterpalast zu erforschen;
Nahe grenzet das Haus, wo er aufsteigt unserem Lande.
Wenn ja das Herz dir gebeut; geh hin, und erkund' es von jenem!
Schleunig hüpft er empor, da der Zeugerin Red' er vernommen,
Phaethon, fröhliches Sinns, und faßt den Äther im Geiste.
Äthiopen, sein Volk, und von näheren Sternen entbrannte
Indier, strebt er hindurch, und ereilt Sols östliche Wohnung.
Königlich ragt' auf Säulen die Burg des Sonnenbeherrschers,
Hell von schimmerndem Gold' und feuerrotem Pyropus.
Elfenbein umhüllte mit Glanz den oberen Giebel;
Silbernes Licht entstrahlte des Eingangs doppelten Flügeln.
Aber den Stoff besiegte die Kunst. Denn Mulciber hatte
Dort des Ozeanus Gurt um den Rand der Erde gemeißelt,
Auch der Lande Bezirk, und das Dach des gewölbeten Himmels.
Rings hat bläuliche Götter die Flut: den ertönenden Triton,
Proteus Wechselgestalt, und Ägäon, welcher dem Walfisch
Drückt mit Riesenarmen den ungeheueren Rücken;
Doris auch, und die Töchter, die teils wie schwimmend erscheinen,
Teils auf dem Riffe gesetzt, und grünliche Haare sich trocknend,
Teils auch vom Fische geführt: nicht gleich ist allen, noch ungleich,
Ihre Gestalt, nein ähnlich, wie leiblichen Schwestern es ansteht.
Männer trägt und Städte die Erd', auch Wälder und Bergwild,
Ströme zugleich, und Nymphen, und andere Mächte des Feldes.
Oben herum erhebt sich das Bild des leuchtenden Himmels:
Sechs der Zeichen zur Rechten, und sechs zur Linken des Eingangs.
Als nun der Klymene Sohn hieher auf steigendem Pfade
Ankam, und in die Burg des bezweifelten Vaters hineinging,
Wendet' er stracks die Schritte zum Angesicht des Erzeugers,
Und blieb stehen von fern: denn des näheren Lichtes Bestrahlung
Duldet' er nicht. Dort saß in umhüllendem Purpurgewande
Phöbus auf fürstlichem Thron, der leuchtete, hell von Smaragden,
Rechts ihm standen und links der Tag, und das Jahr, und der Monat;
Auch Jahrhunderte standen, und gleich geordnete Horen;
Jugendlich stand auch der Frühling, den blumigen Kranz um die Scheitel;
Auch der nackende Sommer, im Schmuck umwindender Ähren;
Auch der Herbst, mit der Kufen getretenem Moste besudelt;
Und der beeisete Winter, umstarrt von grauendem Haupthaar.
Sol in der Mitte des Raums, mit alldurchschauendem Blicke,
Sah vor der Neuheit der Dinge verzagt annahen den Jüngling.
Was will, sagt er, dein Gang? was suchest du hier in der Felsburg,
Phaeton? wertes Geschlecht dem nicht ableugnenden Vater!
Jener beginnt: O du Licht des unermeßlichen Weltalls!
Vater Phöbus, wofern du des Namens Gebrauch mir vergönnest,
Und nicht Klymene Schuld in gefabelte Täuschungen einhüllt:
Gib mir, Erzeuger, ein Pfand, daß man für dein wahres Geschlecht mich
Anerkenn', und vertilg' aus unserem Herzen den Irrtum!
Phaethon sprach's, und der Vater enthüllte sich aller Bestrahlung,
Welche sein Haupt umglänzt', und gebot ihm, näher zu treten.
Dann in die Arm' ihn schließend: Nicht du bist meiner Verkennung
Würdig, und Klymene hat dir wahr verkündet den Ursprung.
Daß dir schwinde der Zweifel; so fordere, was du auch wünschest,
Und ich gewähre den Wunsch: Sei Styx mir Zeugin des Wortes,
Furchtbar dem schwörenden Gott, und unseren Augen ein Abscheu!
Kaum war alles gesagt; da wünscht' er den Wagen des Vaters
Einen Tag, und die Lenkung der fußgeflügelten Rosse.
Phöbus bereute den Schwur, und schüttelte dreimal und viermal
Sein mildleuchtendes Haupt: Unbedachtsam, rief er, und Leichtsinn
Ward mein Wort durch das deine! Gestatte mir, Sohn, die Verheißung
Nicht zu verleihn! Ich bekenne, dies einzige möcht' ich dir weigern.
Aber ich darf abraten. Gefahrvoll ist, was du wünschest!
Viel zu Großes begehrst du, ein Amt, das solcherlei Kräften,
Phaethon, wenig geziemt, noch so unmännlichem Alter.
Dir ward sterbliches Los; doch sterblich ist nicht dein Bestreben.
Höher sogar, als Ewigen selbst zu gelangen vergönnt ist,
Trachtest du ohne Bedacht. Es gefalle sich jeder nach Willkür:
Doch zu stehen vermag auf der glutbelasteten Achse
Keiner, denn ich! Ja selber der Fürst des weiten Olympus,
Der aus schrecklicher Hand fernschmetternde Leuchtungen sendet,
Lenkt nicht dieses Gespann: und wer mißt Jupiters Allmacht?
Steil ist der Weg im Beginn, wo kaum noch frisch mir die Rosse
Frühe hinaufarbeiten. Dann schreckt die Höhe des Mittags,
Wo mir selbst, tief unten das Meer und die Lande zu schauen,
Oftmals graut, und das Herz aufbebt vor banger Besorgnis.
Jäh ist endlich der Weg, und bedarf der sichersten Lenkung.
Jene sogar, die drunten, die Arm' ausbreitend, mich aufnimmt,
Tethys pflegt, daß im Sturz ich enttaumele, nun zu befürchten.
Denke dazu, daß, gerafft von beständigem Schwunge, der Himmel
Hohe Gestirn' hinzieht, und in hurtigem Wirbel herumdreht.
Ich nur streb' anwärts; und dem Sturm, der alles besieget,
Trotz' ich allein, und fahre der raffenden Kreisung entgegen.
Sei dir der Wagen gewährt; was meinest du? Kannst du hinangehn
Wider den rollenden Pol, unentführt von der reißenden Achse?
Ja wer weiß, auch Haine sogar und Städte der Götter
Träumt sich dein Herz dort oben, und prangende Tempel mit Reichtum?
Schau', Nachstellungen drohn auf der Fahrt, und Gestalten des Wildes!
Ob du die Bahn auch hältst, und nie ausbeugend verirrest;
Dennoch mußt du hindurch am Gehörn des begegnenden Stieres,
An des Hämoners Geschoß, und dem Rachen des grausamen Löwen,
Auch an dem Skorpion, der die Klau'n in entsetzlichem Umfang
Krümmt, und dem gräßlichen Krebs, der sie krümmt in anderer Windung!
Wähn' auch nicht, daß die Rosse, von Mut beseelet und Feuer,
Welches ihr Busen verschließt, und aus Maul und Nase hervorhaucht,
Leicht dir zu bändigen sein! Kaum dulden sie mich, wann entflammter
Ihnen der Mut aufglüht; und es sträubt sich der Nacken den Zügeln.
Laß doch nicht von mir selber ein trauriges Ehrengeschenk dir
Kommen, o Sohn; und verbeßre den Wunsch, da die Zeit es gestattet!
Siehe, damit man erzeugt aus unserem Blute dich glaube,
Willst du ein sicheres Pfand: ich gebe das Pfand durch Besorgnis!
Wohl beweis' ich den Vater, mich väterlich ängstend! O schau doch,
Schau mein Gesicht! Und o möchtest du auch in das innerste Herz mir
Senken den Blick, und drinnen die Vatersorgen erkennen!
Endlich betracht' umher, was die Welt einschließet an Reichtum:
Aus so vielen und großen, der Erd' und des Meers und des Himmels,
Fodre dir einiges Gut; nicht Weigerung soll dich betrüben!
Diesem nur, fleh' ich, entsage: was richtiger Strafe, denn Ehre,
Würde genannt! Ach, Strafe, mein Phaethon, soll dir Geschenk sein!
Was umschlingst du den Hals, Unweiser, mit schmeichelnden Armen?
Zweifele nicht, du erlangst (bei den stygischen Fluten beschwur ich's!),
Was du auch immer gewünscht; doch laß verständig den Wunsch sein!
Also endigte Sol die Ermahnungen. Jener verschmäht sie,
Hält den beschlossenen Zweck, und glüht in Begierde des Wagens.
Als nun, was er gekonnt, Sol zauderte, führt' er den Jüngling
Hin zu dem hohen Geschirr, dem vulkanischen Ehrengeschenke.
Lauteres Gold war die Achs', und Gold die Deichsel, und Gold auch
Üben dem Rade der Kranz; die geordneten Speichen von Silber.
Chrysolith' um das Joch, und funkelnde Stein in der Ordnung,
Spiegelten hell den Phöbus in widerstrahlender Klarheit.
Während Phaethon dies voll Mut anstaunt', und die Arbeit
Musterte; siehe, da öffnet', erwacht im rötlichen Aufgang,
Schon Aurora das purpurne Tor, und den rosenbestreuten
Vorhof. Schleunig entfliehn die Gestirn', und es treibet den Heerzug
Lucifer, welcher zuletzt abzieht von der Wache des Himmels.
Aber sobald der Vater die Erd' und den Himmel erröten
Sah, und schwinden am Rand die erblassenden Hörner der Luna;
Schnell zu schirren die Rosse gebot nun Titan den Horen.
Schnell ist vollbracht das Gebot: die feuerschnaubenden Renner,
Mit Ambrosiasaft an erhabenen Krippen gesättigt,
Führen die Göttinnen her, und legen die klirrenden Zäum' an.
Jetzo berührt der Vater mit heiliger Salbe das Antlitz
Seines Sohns, und stärkt es, die reißende Flamme zu dulden.
Hierauf krönt er mit Strahlen sein Haar, und aus innerstem Herzen
Bang' aufziehend des Grams vorahnende Seufzer, beginnt er:
Magst du, wenigstens hier, die Ermahnungen hören des Vaters;
Meid', o Knabe, den Sporn, und kräftiger brauche die Zügel!
Selbst schon eilen sie fort: sie im Flug zu hemmen ist Arbeit.
Auch nicht wähle die Bahn durch fünf gradlaufende Gürtel.
Schlängelnd windet sich schräg ein breitgebogener Querweg,
Welcher, auf drei der Zonen den Lauf einschränkend, die Kreisung
Meidet des südlichen Pols, und der nördlich stürmenden Bärin:
Dort sei die Fahrt; du erkennst die deutlichen Spuren des Rades!
Und daß Himmel und Land gleichmäßige Wärme gewinnen,
Senke du weder den Wagen, noch schwing ihn empor in den Äther.
Allzu hoch verbrennst du der Himmlischen wölbende Wohnung,
Aber zu tief die Länder; am sichersten gehst du im Mittel.
Daß dir weder zur Rechten, wo weit die Schlange sich windet,
Noch linksab zum gesenkten Altar ausbeuge der Wagen,
Halt' durch beide den Strich. Des übrigen walte Fortuna,
Die mit besserem Rat, als du, dir helfe: das wünsch' ich!
Während ich rede, berührt am hesperischen Ufer die Säulen
Schon die Leuchtende Nacht, und verbeut uns längere Säumnis.
Auf denn, es gilt! Dort strahlt aus zerstreuetem Dunkel Aurora!
Fass' in die Hand das Geriem! Doch falls du lenkbaren Herzens
Bleibst, nimm unseres Rates, und nicht des Wagens, Gebrauch an:
Weil du es kannst, und fest auf gediegenem Boden noch dastehst,
Eh' du, nach törichtem Wunsch, auf der Achs', Unkundiger, schwebest!
Anschaun magst du es sicher, doch mich laß leuchten dem Erdkreis!
Aber im Sprunge besteigt den ätherischen Wagen der Jüngling,
Steht nun empor, und berührt mit der Hand die gegebenen Zügel
Fröhlich, und dankt von oben dem ungern schenkenden Vater.
Doch die geflügelten Rosse, der Pyroïs, und der Eous,
Äthon zugleich, und Phlegon, erfüllen die Luft mit Gewieher
Flammenden Hauchs, und schlagen die Huf' an die hemmenden Barren.
Als nun zurück die Barren, das Los mißkennend des Enkels,
Tethys drängt', und der Raum unermeßlicher Himmel sich auftat,
Raffen sie schleunig den Weg, und die Luft mit den Füßen durchstampfend,
Spalten sie dick vorstehend Gedünst, und auf hebenden Flügeln
Rennen sie mutig voran dem zugleich ausstürmenden Ostwind.
Doch leicht war das Gewicht, und ganz unkennbar dem edlen
Sonnengespann; es gebrach an gewohnter Schwere des Joches.
Wie der gebogene Kiel hinschwankt mit dürftiger Ladung,
Und von zu leichtem Gewicht unstet durch die Wellen umhertreibt:
Also, der vorigen Last entlediget, sprang in die Luft nun
Hüpfend in Stößen empor, wie mit eiteler Leere, der Wagen.
Aber sobald dies merkte das Viergespann, da entstürzt es
Wild dem gebahneten Raum, nicht laufend in voriger Ordnung.
Jener erschrickt, ratlos die gewirreten Zügel zu lenken,
Und unkundig des Wegs, und kennt' er ihn, doch des Befehles.
Jetzo zuerst erwärmten die frostigen Stiere des Wagens,
Und versuchten umsonst in verbotene Flut sich zu tauchen.
Auch die Schlange, die dicht am beeiseten Pole sich lagert,
Träg' in der Kälte zuvor, harmlos, und fürchterlich keinem,
Ward nun erwärmt, und schwoll zu neuem Zorn in der Glut auf.
Du auch, melden sie, flohst in zerrüttender Angst, o Bootes,
Langsam, wie du auch warst; dein Wagen nur zwang dich zu bleiben.
Doch als Phaethon jetzt, der Elende, hoch aus dem Äther
Niederschaut' auf die Lande, die tief, tief unten sich streckten,
Blaß nun ward sein Gesicht, und ihm zitterten plötzlich die Kniee;
Und in des Urlichts Glanz umzog ihm Dunkel die Augen.
Hätt' er doch nie, so wünscht er, des Vaters Rosse berühret!
Hätt' er doch nie erkannt sein Geschlecht, noch gewagt die Erkundung!
Merops Sohn zu heißen genügt! Es entrafft die Gewalt ihn,
So wie die Bark' hinstürmet der Boreas, wann sie entzügelt
Treiben ihr Steuerer läßt und Göttern vertraut und Gelübden.
Was zu tun? Viel hat er zurückgelassen des Himmels,
Doch vor den Augen ist mehr: sein Herz mißt dieses und jenes.
Vorwärts bald, wohin sein Schicksal verbeut zu gelangen,
Schaut er zum Untergang, bald rückwärts schaut er zum Aufgang.
Sonder Entschluß nun stutzt er, und senkt so wenig die Zügel,
Als er sie strengt; auch die Namen der fliegenden Rosse vergaß er.
Jetzt am gesprenkelten Himmel umhergestreuete Wunder
Schaut er voll Angst, und Gestalten des ungeheuren Gewildes.
Dort auch krümmt zwei Arme der Skorpion in geschweiften
Windungen: hinten ein Schwanz, und vorn ausstreckend die Scheren,
Füllet er ganz mit dem Leibe den Raum zwei himmlischer Zeichen.
Kaum erblickte der Knabe das Scheusal, feucht von dem Schweiße
Dunkelen Gifts, und Wunden mit stechender Krümmung ihm drohend,
Sinnlos ließ er in kältender Angst hingleiten die Riemen.
Als die gesunkenen nun des Rückens Fläche berührten;
Schweifen die Rosse dahin und gehn, da keiner sie hemmet,
Durch einöde Bezirke der Luft: wie das wilde Gelust führt,
Stürzen sie ohne Gesetz; schon sprengen sie hoch in den Äther
Zwischen geheftete Stern', und es rollt das Geschirr in die Wildnis.
Bald durchfliegen sie Höh'n, und bald abschüssige Strecken,
Niedergestürzt, und durchjagen die Gegenden nahe der Erde.
Luna sieht mit Erstaunen, wie unter dem ihrigen jetzo
Läuft des Bruders Gespann, und es dampfen gesengt die Gewölke.
Feuer ergreift nacheinander die ragenden Höhen der Erde;
Tief zerspaltet das Land, und die nährenden Säfte versiegen;
Falb verwelket das Gras, und es knattert der Baum mit den Blättern;
Und sich selbst ist die trockene Saat ein verwüstender Zunder.
Kleines annoch! Es vergehn hochtürmende Städte mit Mauern;
Ganze Völker sogar mit Stämmen zugleich und Geschlechtern
Wandelt in Asche der Brand; und Waldungen glühn mit Gebirgen.
Athos brennt, und Taurus, es brennt der Tmolus, und Oeta,
Auch, nun trocken, zuvor voll strömender Quellen, der Ida;
Helikons Jungfrauhöh', und der künftig öagrische Hämos.
Ätna brennt, unermeßlich die Feuersbrünste verdoppelnd,
Eryx, und Cynthos, und Othrys, und, zwiefaches Haupts, der Parnassus,
Rhodope auch, nun endlich des Schnees entbehrend, und Mimas;
Dindyma brennt, und mit Mykale brennt der umschwärmte Cithäron.
Nicht auch rettet der Frost dich, Szythia: Kaukasus brennet;
Ossa zugleich mit Pindus, und, hoch vor beiden, Olympus;
Luft'ge Alpen zugleich, und der wolkige Apenninus.
Phaethon schauet nunmehr, wie an jeglichem Teile der Erdkreis
Raucht in der lodernden Glut; und kann nicht dulden die Hitze.
Denn aufsiedende Luft, wie aus tiefem Schlunde des Ofens,
Atmet sein Mund; auch fühlt er, daß unter ihm glühe der Wagen.
Nicht die flockende Asch', und nicht die geschnelleten Funken,
Mag er bestehn; ringsher umwirbelt ihn hitziger Rauchdampf.
Wo und wohin er gehe durch pechschwarz wallendes Dunkel,
Weiß er nicht mehr; ihn entraffen die fliegenden Rosse nach Willkür.
Jetzo, glauben sie, drang das kochende Blut in den Adern
Oben zur Haut, und schwärzte die äthiopischen Völker.
Jetzt ward Libya erst nach ausgesottener Nässe
Trockener Sand; jetzt weinten mit bangendem Haare die Nymphen
Laut um Brunnen und Seen. Böotia jammert um Dirce,
Argos klagt Amymone, und Ephyra ihre Pirene.
Nicht auch bleiben die Ströme, die fern ihr Ufer gewannen,
Sicher annoch. Schon dampfet der Tanaïs mitten im Strudel,
Schon Peneos der Greis, und der Teuthranteer Kaïkus,
Phokis Strom Erymanthos, mit dir, o schneller Ismenos;
Xanthos, zu doppeltem Brande bestimmt, und der gelbe Lykormas;
Du auch, froher Mäandros, in oft rückkehrender Windung;
Auch der Mygdonier Melas, und Tänaros Strom Eurotas.
Brennend erscheint Euphrates um Babylon, brennend Orontes,
Auch Thermodon im Sturz, auch Ganges, und Phasis, und Ister;
Brennend wallt Alpheos, und wallt die spercheïsche Strömung;
Und es zerfließt in der Flamme das Gold, das Tagus herabführt.
Auch, die mit süßem Gesang ihr mäonisches Ufer verherrlicht,
Selbst erwärmten die Schwän' im sumpfenden Strom des Kaystros
Nilus entfloh voll Schrecken zum äußersten Ende des Landes,
Bergend das Haupt, das noch immer verborgene: dürr und versandet,
Stehn die Mündungen all, und sind ungewässerte Täler.
Gleiches Geschick auch dörrt die Ismarier, Hebros und Strymon
Auch die hesperischen Ströme, den Rhodanus, Rhenus und Padus,
Und, dem Obergewalt verkündiget wurde, den Tibris.
Rings nun zerlechzet der Grund; in den Tartarus dringt durch die Spalten
Licht, und erschreckt mit der Gattin den unterirdischen König.
Eng auch zieht sich das Meer; ein Gefild' aufwehenden Sandes
Ist, wo der Abgrund war; noch eben umhüllt von Gewässern,
Tauchen die Berge hervor, den Schwarm der Zykladen vermehrend.
Labsal sucht in den Tiefen der Fisch; und über der Meerflut
Wagt nicht mehr in die Luft der gebogne Delphin sich zu schwingen.
Auch unförmige Robben, den Rücken gestreckt auf die Woge,
Schwimmen entseelt ringsher. Selbst Nereus, sagt man, und Doris
Hielten sich jetzt, und die Töchter, in laulicher Grotte verborgen.
Dreimal wollte Neptunus die Arm' und das finstere Antlitz
Aus dem Gewog' ausstrecken; doch dreimal trug er die Glut nicht.
Aber die nährende Tellus, umströmt von Ozeanus Kreisung,
Zwischen den Fluten des Meers und rings versammelten Quellen,
Die sich zusammengedrängt in den Schoß der dunkelen Mutter,
Hob, bis zum Halse gedörrt, ihr allbefruchtendes Antlitz,
Schützte die Hand vor die Stirn, und jetzt, mit gewaltigem Beben
Alles erschütternd umher, versank sie ein weniges tiefer,
Als sie gewöhnlich erscheint, und mit trockener Stimme begann sie:
Wolltest du dies, und verdient' ich's, warum, der Unsterblichen Höchster,
Zaudert dein Strahl? O laß, soll ich Elende sterben durch Feuer,
Durch dein Feuer mich sterben! Des Schlags Urheber wird Trost sein!
Kaum vermag ich der Kehle nur dieses Wort zu entlocken!
(Qualm erstickt ihr den Mund.) O schau die versengeten Haare!
Schau die Augen so voll, und so voll von Asche das Antlitz!
Gibst du mir solchen Dank der Fruchtbarkeit, solche Belohnung
Meiner gefälligen Treu: daß ich Wunden des hakigen Pfluges,
Wunden des Karstes ertrag', im ganzen Jahre gequälet?
Daß ich dem Viehe sein Laub, dem Geschlecht der Menschen zur Nahrung
Zeitige Früchte gewähr', und euch zum Opfer den Weihrauch?
Aber wenn ich mein Leiden verdienete; was hat die Meerflut,
Was der Bruder verdient? Warum versiegen die Wasser,
Welche das Los ihm gab, und entziehn sich ferne dem Äther?
Wenn denn, so wenig wie ich, dein eigener Bruder dich rühret,
Wenigstens sei dein Himmel dir wert! Schau jeglichen Pol an:
Hier schon dampft es und dort! Beschädiget jene das Feuer,
Plötzlich zerfällt euch die Wohnung in Schutt! Selbst drüben der Atlas
Müht sich, und hält auf der Schulter noch kaum die glühende Achse!
Wenn die Meer' und die Lande vergehn, und die Burg des Olympus,
Ins urnächtliche Chaos enttaumeln wir! Reiß aus den Flammen,
Was noch übrig dir ist, und sorge für Heil und Erhaltung!
Dies nur redete Tellus; denn nicht aushalten die Schwüle
Konnte sie länger in Qualm, noch mehreres reden: ihr Antlitz
Zog sie zurück in die Erde, die tief zu den Manen sich höhlet.
Doch der allmächtige Vater bezeugt die Gewalten des Himmels,
Und, der den Wagen verliehn, es zerscheitere, rett' er nicht schleunig,
Alles im grausen Geschick: dann steigt er zur obersten Burg auf,
Wo er umher mit Wolken den Erdkreis pflegt zu verhüllen,
Wo er die Donner erregt, und geschleuderte Strahlen entsendet.
Aber so wenig Gewölk, den Erdkreis rings zu verhüllen,
Hatt' er nunmehr, als Regen herabzugießen vom Himmel.
Siehe da donnert' er laut, und rechts von dem Ohre geschwungen
Sandt' er dem Lenker den Strahl: aus dem Leben zugleich und den Rädern
Schmettert' er ihn, und dämpfte mit schrecklicher Flamme die Flammen.
Scheu nun stutzen die Ross', und im Sprung auf die Seite sich bäumend,
Sprengen sie ab das Geriem, und schütteln das Joch von den Hälsen.
Dorthin fallen die Zäum', und dort, von der Deichsel gerissen,
Lieget die Achs', und dort die Speichen zerbrochener Räder;
Weitaus schnellt in die Runde der Wrack des zertrümmerten Wagens.
Phaethon nun, von der Glut die geröteten Haare verwüstet,
Taumelte häuptlings hinab, und in langem Zuge die Luft durch
Flieget er: sowie zuweilen ein Stern vom heiteren Himmel,
Wenn auch nicht er entfällt, doch gleich dem entfallenden scheinet.
Fern von der Heimat nimmt in dem Gegenlande der Hauptstrom,
Nimmt ihn Eridanus auf, und spült sein schäumendes Antlitz.
Aber hesperische Nymphen bestatten den Leib, der noch aufdampft
Vom dreispaltigen Strahl; und die Inschrift zeichnet den Grabstein:
»Phaethon ruhet allhier, der des Vaters Wagen gelenket;
Zwar nicht ganz ihn behauptend, erlag er doch großem Bestreben.«
Jetzo barg der Erzeuger in trostlos jammernder Wehmut
Sein umzogenes Haupt; und wenn wir trauen der Sage,
Ging ein Tag von der Sonn' unerhellt: nur die Lohe des Brandes
Leuchtete; daß solch Übel doch einigen Nutzen gewährte.
Klymene selbst, nachdem sie geklagt, was alles in solchen
Schrecknissen lehrt unerschöpflicher Schmerz: in Verzweiflung und sinnlos,
Und mit entstelleter Brust, durchschweifte sie jetzo den Erdkreis.
Erst die entseeleten Glieder, und bald die Gebeine nur suchend,
Fand die Gebeine sie doch am Fremdlingsufer bestattet.
Schmerzvoll sank sie dahin, und las den Namen am Marmor,
Überströmt' ihn mit Tränen und wärmt' ihn am offenen Herzen.
Heliaden auch bringen die eitele Ehre des Todes,
Bitterer Tränen Erguß; und die Brust mit den Händen sich schlagend,
Rufen sie, der nie hört die erbarmungswürdige Klage,
Phaethon! Tag und Nacht, und liegen gestreckt um das Grabmal.
Viermal füllete Luna den Kreis mit vereinigten Hörnern:
Jene, der Sitte gemäß (denn Sitte ward aus Gewohnheit),
Brachten ihr Trauergeschrei. Als nun Phaethusa, der Schwestern
Älteste, eben zur Erde den Leib hinneigete, plötzlich
Klagt sie, ihr starre der Fuß. Die weiße Lampetia strebte
Ihr mit Hilfe zu nahn, und haftete schnell an der Wurzel.
Als die dritte das Haar mit der Hand zu zerreißen emporgriff,
Raufte sie Laub. Die traurt, daß ein Stamm ihr binde die Schenkel;
Jene, daß lang ihr die Arm' in grünende Äste sich strecken.
Während sie dies anstaunen, da schließt die Rinde den Schoß ein;
Dann aufstufend zum Bauche, zu Brust und Schulter und Händen,
Steigt sie; allein nur raget der Mund, anrufend die Mutter.
Was kann jetzo die Mutter? Nur dorthin rennt sie und dorthin,
So wie das Herz ihr gebeut, und küßt noch, weil es vergönnt ist.
Nein, nicht genug! von dem Stamme den Leib zu reißen versucht sie,
Und das zarte Gesproß von der Hand zu brechen: doch siehe,
Blutig rinnen hervor, wie aus offener Wunde, die Tropfen.
Schone doch! Mutter, o schone! so ruft, die sie eben verwundet:
Schone doch! uns wird selber der Leib in dem Baume zerrissen!
Lebe nun wohl! Baumrinde verschließt die endenden Worte.
Tränen fließen hervor, und es starrt der getröpfelte Bernstein
Gegen die Sonn' am jungen Gebüsch; das empfangene Kleinod
Sendet der lautere Strom zum Schmuck den latinischen Töchtern.
Zeuge dem Wundergeschick war der stheneleïsche Cyknus,
Welcher, obgleich sehr nahe durch mütterlich Blut dir vereinigt,
Näher an Sinne dir war, o Phaethon. Dieser, entweichend
(Denn der Ligurer Stämm' und mächtige Städte beherrscht' er)
Aus dem Gebiet, durchtönte die grünenden Ufer mit Klagen,
Und des Eridanus Flut, und den volleren Wald der Geschwister.
Schnell wird zarter die Stimme dem Mann; und flaumige Federn
Bergen ergrauend das Haar, und lang empor von dem Busen
Streckt sich der Hals; auch bindet ihm Haut die errötenden Finger;
Fittiche decken die Seit', und stumpf ist am Antlitz der Schnabel.
Cyknus erneut sich zum Schwan. Noch stets mißtraut er dem Himmel
Jupiters, eingedenk des grausam gesendeten Feuers.
Sümpf' und verbreitete Seen bewohnet er: hassend die Gluten,
Hat er zur Wohnung erwählt die der Glut feindseligen Wasser.
Kallisto
Jupiter, als er die Erd' umwanderte, müde des Äthers,
Sah in Arkadias Fluten der nonakrinischen Jungfrau'n
Holdeste; und es entbrannte sein Herz von feuriger Sehnsucht.
Nicht war jener Geschäft, die gekrempelte Wolle zu feinern,
Noch durch Tracht zu verändern das Haar. Wann die Spange das Kleid ihr,
Und ein schneeiges Band nachlässige Locken gefesselt,
Nahm sie bald den schnellenden Spieß, bald Bogen und Köcher,
Als Trabantin der Phöbe: so wert war keine der Göttin
Je auf des Mänalus Höhn. Doch alles Glück ist vergänglich!
Über den Mittagsraum war schon das Sonnengespann hin,
Als sie die Waldung betrat, wo niemals Äxte gehauen.
Und sie entspannte den Bogen und hub von der Achsel den Köcher,
Legte sich dann auf den Boden, mit weichem Grase gepolstert;
Und den gemaleten Köcher bedeckt ihr ruhender Nacken.
Jupiter, da er so müde sie sah, und ohne Bewachung:
Diesmal, sprach er, entdeckt doch den Gang nicht meine Gemahlin;
Oder erspäht sie ihn auch, oh, so gilt ihr Keifen mir so viel!
Plötzlich umhüllet den Gott die Gestalt und der Schmuck der Diana:
Jungfrau, redet er an, du Begleiterin meines Gefolges,
Welcherlei Höh'n durchjagtest du heut? Da erhebt sich die Jungfrau
Schnell vom Rasen, und sagt: Heil, Herrscherin, höher geschätzt mir,
Wenn er auch selber es hört, als Jupiter! Lächelnd vernimmt er's,
Froh, daß er selbst vorgehe sich selbst; und er füget ihr Küsse,
Nicht in gehörigem Maße, noch so zu geben von Jungfrauen.
Arglos will sie erzählen, in welchem Gehölz sie gejaget;
Aber es hemmt sie Gewalt: und siegreich kehrt zu dem Äther
Jupiter. Ihr ist verhaßt das Gebüsch, und die kundige Waldung.
Als sie den Fuß wegwandte, vergaß sie beinah zu erheben
Köcher und Pfeil', und zu nehmen den aufgehangenen Bogen.
Siehe, da kommt Diktynna, vom hüpfenden Chore begleitet
Über den Mänalus her, und stolz des erlegeten Wildes,
Schauet sie jen', und ruft; doch es stutzt die gerufne Kallisto;
Und sie befürchtet zuerst, daß Jupiter sei in der Göttin.
Aber nachdem sie zugleich die wandelnden Nymphen gesehen,
Traut sie, entfernt sei Betrug, und die Zahl der übrigen mehrt sie.
Ach, wie schwer, ein Gebrechen im Antlitz nicht zu verraten!
Kaum nun hebt sie die Augen empor; nicht, wie sie gewohnt war,
Geht sie der Göttin zur Seit', und immer voran in dem Schwarme.
Nein, sie verstummt, und deutet beleidigte Zucht mit Errötung.
Wenn sie nicht Jungfrau war, an mancherlei Zeichen bemerkte
Leicht Diana die Schuld; man sagt, es bemerkten die Nymphlein.
Aber sogleich vernahm es des Donnerers hohe Gemahlin;
Nur auf gelegene Zeit verschob sie die schreckliche Ahndung.
Nun ist geschwunden die Frist; denn schon ward Arkas (auch dieses
Kränkt der Juno das Herz) von der Nebengattin geboren.
Als sie auf jenen den Blick voll grausamen Mutes gewendet.
Ha! dies fehlete nur, du Ehebrecherin, rief sie,
Daß du auch fruchtbar wärst, daß öffentlich würde die Kränkung
Durch die Geburt, und meines Gemahls Unehre bescheinigt!
Nicht ungestraft sei solches! Ich nehme dir jene Gestalt ab,
Welche dir selber behagt und, Trotzerin! unserem Gatten!
Juno sprach's, und ergriff an der Stirn ihr die Locken, und warf sie
Vorwärts hin auf die Erde. Sie hob demütig die Arme.
Doch es begannen die Arme von dunkelen Zotten zu starren;
Krumm auch wurden die Händ', und wuchsen in klauige Tatzen,
Und sie versahn der Füße Geschäft; und das reizende Antlitz,
Selbst für Jupiter, ward vom entsetzlichen Maule geschändet.
Und daß ihr grausames Herz nicht bittende Worte bewegen,
Nimmt sie ihr reden zu können: ein Ton voll Zornes und Unmuts,
Rauher Drohungen voll, erschallt aus der brummenden Kehle.
Ihren Schmerz anzeigend mit unaufhörlichem Jammern,
Hebt sie, was Händ' ihr sind, zum Himmel empor und Gestirne;
Undankbar nicht kann sie den Jupiter nennen, sie denkt ihn.
Ach, wie oft nicht wagend im einsamen Wald zu ruhen,
Naht sie dem Haus, und irrt in den vormals eigenen Äckern!
Ach, wie oft durch Felsen verfolgen sie bellende Hunde!
Sie, einst Jägerin, flieht vor den Jagenden jetzo erschrocken.
Oft vor gesehenem Wilde versteckt sie sich, ihrer vergessend;
Und die Bärin erstarrt, wenn ein Bär im Gebirge sich zeiget.
Bang' auch meidet sie Wölf', obgleich ihr Vater ein Wolf ist.
Siehe, der Sohn, unkundig der lykaonischen Mutter,
Arkas erscheint, da beinah er fünfzehn Jahre vollendet.
Während das Wild er verfolgt, und ein Tal auswählet zum Anstand,
Und mit geknotetem Garn erymantische Wälder umzingelt,
Wird er der Mutter gewahr. Und sobald sie schauet den Arkas,
Stehet sie still, und gleicht der erkennenden. Jener entfliehet;
Und weil ihn unbeweglich mit starrenden Augen sie anblickt,
Fühlt unwissend er Angst; und da näher zu gehn sie begehret,
Wollt' er ihr eben die Brust mit verwundendem Pfeile durchbohren.
Doch der Allmächtige hemmt; und zugleich sie selbst und die Untat
Rückt er hinweg; und im Sturm durch luftige Leere sie schwingend,
Stellt er sie dort an den Himmel, als Nachbarsterne zu funkeln.
Juno schwoll, da im Kreise der himmlischen Sterne das Kebsweib
Leuchtete. Rasch zu dem Vater Ozeanus, und zu der grauen
Tethys fuhr sie ins Meer, die oft die Götter mit Ehrfurcht
Rühreten. Jetzo gefragt um des Wegs Ursache, begann sie:
Forscht ihr, warum ich herab vom ätherischen Sitze, der Götter
Königin, kam? Statt meiner beherrscht ein' andre den Himmel!
Lügnerin heiß' ich, wo nicht, wann die Nacht das Gewölbe verdunkelt,
Ihr am erhabenen Himmel die jüngst verherrlichten Sterne,
Meine Kränkung, erblickt, dort wo die äußerste Kreisung
Dicht am Rande des Pols im kürzesten Raume sich umdreht.
Was ist noch, warum man die Juno fürchte zu kränken,
Und der Beleidigten zittre; da ich nur fromme durch Schaden.
Traun, was ich alles vollbracht! wie grenzlos unsre Gewalt ist!
Menschheit legte sie ab; und Gottheit nahm sie! So furchtbar
Weiß ich Verbrecher zu strafen! so groß ist die Macht, die mir beiwohnt!
Stell' er denn her ihr altes Gesicht, und die Bildung des Raubtiers
Schaff' er hinweg, wie er einst an des Inachus Tochter getan hat!
Warum freit er sie nicht, und räumt, die Juno verstoßend,
Ihr mein Ehegemach, und nimmt zum Schwäher Lykaon?
Auf denn, wofern euch das Herz die verachtete Zöglingin rühret,
Wehrt dies blaue Gestrudel dem siebenfältigen Nordstern;
Und, die um Buhlerlohn, als Gestirn, an den Himmel erhöht sind,
Scheuchet sie: daß nicht bad' in der lauteren Woge das Kebsweib!
Jene gewährten den Wunsch; und empor im bequemen Geschirre
Lenkt durch heitere Luft Saturnia farbige Pfauen.
Der Rabe und die Krähe
Vormals weißer wie Schnee mit silberhellem Gefieder
Blinkte der Rab', und trotzte den ganz ungemakelten Tauben;
Nicht die wachsame Gans, die Roms Kapitole zur Hut war,
Schimmerte heller denn er, noch der rudernde Schwan im Gewässer.
Ihm war die Zunge Verderb; durch Schuld der geschwätzigen Zunge
Ward das lichte Gefieder in dunkeles plötzlich verwandelt.
Schöner war, wie Koronis, die Larissäerin, keine
Aller hämonischen Frau'n. Dir wenigstens, Phöbus, gefiel sie,
Weil noch züchtig sie war, und noch unbeachtet. Doch endlich
Merkte den Flattersinn der apollonische Vogel;
Und zu entdecken die Schuld, ein unerbittlicher Melder,
Lenkt' er zu seinem Beherrscher den Flug. Mit geschwungenem Fittich
Folgt ihm die plaudernde Kräh', um alles genau zu erforschen.
Als sie des Wegs Ursache gehört: Nicht frommet der Weg dir,
Sagte sie, welchen du eilst; o gedenk' an meine Verkündung!
Schau , was ich war, und was jetzo ich bin; dann forsche, woher das?
Und du erkennst, daß Treue mir schadete. Einst in der Vorzeit
Hatte der Erde Geschlecht, den Erichthonius, Pallas
In der geflochtenen Kist' aus attischem Reisig verschlossen.
Drei jungfräulichen Töchtern des zweigestalteten Cekrops
Gab sie darauf den Beding, daß nicht ihr Geheimnis sie sähen.
Ich, im luftigen Laube der dichten Ulme verborgen,
Späh' ihr Tun. Zwo schützen das Unvertraute redlich,
Pandrosos samt der Herse; doch Furchtsame schilt sie Aglauros;
Und sie entschürzt mit der Hand die schließenden Knoten, und drinnen
Sehn sie ein Kind, und zugleich den langgeringelten Drachen,
Schnell, was geschehn, verkünd' ich der Herrscherin. Dessen zum Danke
Werd' ich, vordem ihr Liebling, verdrängt aus dem Schutz der Minerva,
Selbst von dem Vogel der Nacht. Mein Schicksal kann dem Geflügel
Warnung sein, daß keiner Gefahr mit der Stimme sich schaffe.
Nicht freiwillig vielleicht, und ungebeten um solches,
Wählte sie mich? Geh hin, und erkunde dich selber bei Pallas!
Wie voll Zornes sie ist, auch die zornige wird es nicht leugnen!
Denn mich hat ein Berühmter im phokischen Lande, Koroneus
(Kundiges red' ich) gezeugt; und ich glänzt' als Königestochter;
Auch (verachte mich nicht) bewarben sich mächtige Freier.
Unglück war die Gestalt. Denn indem an den sandigen Ufern
Ich mit langsamem Schritt lustwandelte, wie ich gewohnt bin,
Sah mich der Herrscher des Meers, und erglühete; und da er bittend
Lange die Zeiten umsonst mit schmeichelnden Worten verschwendet,
Übt er Gewalt, und verfolgt: ich entflieh, und verlasse des Ufers
Dichten Saum, ohnmächtig im mulmigen Sande mich müdend.
Götter ruf' ich und Menschen um Schutz; doch erreichte die Stimme
Keines Sterblichen Ohr: für die Jungfrau sorgte die Jungfrau,
Welche mir Rettung verlieh. Ich erhob die Arme zum Himmel;
Und an den Armen entlang erdunkelte leichtes Geflügel.
Werfen wollt' ich zurück das Gewand von der Schulter; doch Feder
War das Gewand; und hatt' in die Haut tief Wurzel getrieben.
Schmerzvoll regt' ich die Händ', um die nackenden Brüste zu schlagen;
Aber ich sah nicht Hände, noch nackende Brüste mir übrig.
Zwar ich lief; doch hemmte nicht Sand mir die Füße, wie vormals;
Nein, ich schwebt' an dem Boden daher, in die Luft dann gehoben
Flog ich, und ward der Minerva zur unbescholtnen Gesellin.
Aber was frommet mir das, wenn Nyktimene, welche zum Vogel
Gräßliche Schuld umschuf, Nachfolgerin unserer Ehr' ist?
Hast du vielleicht die Geschichte, die weit durch Lesbos ertönet,
Nie mit den Ohren gehört? wie Nyktimene frech des Erzeugers
Lager entweiht? Auch als Vogel gequält von dem Greuel der Blutschuld,
Flieht sie den strafenden Blick lichtscheu, und verbirgt in dem Dunkel
Ihre Schmach; und alle verbannen sie rings aus dem Äther.
Also plauderte sie. Dir selbst, antwortet' der Rabe,
Lohne die Warnung mit Schimpf: ich verachte die nichtige Deutung.
Schnell den begonnenen Weg vollbringt er, und sagt dem Apollo,
Daß er gesehn, wie Koronis geküßt ein hämonischer Jüngling.
Aber dem Liebenden sank bei der Schuld Anzeige der Lorbeer;
Und die erhabene Miene zugleich, und die Laut' und die Farbe
Schwanden ihm. Dann, wie der Zorn im gärenden Herzen emporschwoll,
Rafft er die heilige Wehr! und den krummgehörneten Bogen
Spannt er; und, ach! den Busen, der oft an dem seinigen ruhte,
Diesen durchbohrte der Gott mit unvermeidlicher Spitze.
Und die Getroffene seufzt', und indem sie den Stahl aus der Wunde
Zog, umströmte das Blut die schneeigen Glieder mit Purpur.
Und sie begann: Gern mocht' ich den Fehl dir büßen, o Phöbus,
Aber gebären zuvor; nun sterben wir zwei in der einen!
Dies nur; und sie verströmte zugleich mit dem Blute das Leben;
Und der entseelete Leib erstarrt' in der Kälte des Todes.
Ach, den Liebenden reut zu spät die grausame Strafe;
Und sich selbst, daß er hörte, daß so er entloderte, haßt er;
Haßt auch den Vogel zugleich, der ihn das Vergehn zu erfahren
Zwang, und des Schmerzes Beginn; auch die Senn', und den Bogen, die Hand auch
Haßt er, und haßt, mit der Hand, die so blind ausliegenden Pfeile.
Zärtlich umarmt er und pflegt die gesunkene, strebet das Schicksal
Noch durch Rat zu besiegen, und übt nichts fruchtende Heilkunst.
Aber da alles umsonst er versucht, und gesehen die Scheiter
Aufgehäuft, und geordnet zum Totenbrande den Leichnam;
Jetzt ein banges Geseufz (denn es ziemt nicht himmlischer Antlitz,
Feucht von Tränen zu sein), aus dem innersten Herzen geatmet,
Seufzet er: anders nicht, als wenn vor den Augen der Mutter
Ihrem noch saugenden Kalbe der rechts vom Ohre geschwungne
Hammer mit tönendem Schlag die gehöhlete Schläfe zerschmettert.
Doch wie die Brust er beströmte mit unwillkommenen Düften,
Und in die Arme sie schloß, unpflichtige Pflichten vollendend,
Duldete Phöbus es nicht, daß zugleich sein Sam' in die Asche
Stäubete; sondern hervor aus der Flamm' und dem Schoße der Mutter
Riß er den Sohn, und trug ihn zur Kluft des gedoppelten Chiron.
Doch ihn, welcher den Lohn der nicht falschredenden Zunge
Hoffte, den Raben enthob er der Schar weißfiedrichter Vögel.
Ocyrhoe
Fröhlich erzog das Geschlecht des Delius und der Koronis
Chiron, der weiße Zentaur, und stolz ob der Ehre des Amtes.
Siehe, da kam, die Schulter umwallt von gelblichem Haupthaar,
Chirons Tochter daher, die einst die Nymphe Chariklo
Ihm an dem Ufer gebar des schnell hinrauschenden Stromes,
Und Ocyrhoe nannte. Ihr war die Künste des Vaters
Nicht genug zu erlernen; sie sang auch verborgenes Schicksal.
Diese demnach, da die Wut sie ergriff weissagender Ahnung,
Und sie entbrannte vom Gott, der tief im Herzen ihr wohnte,
Schaute das Kind: Heilbringer dem Kreis der Erde, so rief sie,
Wachse, du Knab', und gedeih! Dir wird von den sterblichen Leibern
Oft Genesung verdankt; du schaffst den entflohenen Seelen
Wiederkehr! Doch wagst du zum Trotz der Götter es einmal,
Nicht es von neuem zu tun, verwehrt dir die Flamme des Ahnen.
Dann aus dem Gott ein Leichnam erblassest du; und aus dem Leichnam
Schimmerst du wieder ein Gott; und zweimal ändert dein Schicksal.
Du auch, teuerster Vater, der nicht ein Sterblicher aufwuchs,
Sondern bestimmt, durch die Räume der Ewigkeit alle zu dauern,
Wünschest dir sterben zu können, wann einst der gräßlichen Schlange
Blut mit Qualen dich brennt, die verwundeten Glieder durchtobend.
Dir, dem Ewigen, gibt den Tod zu erdulden die Gottheit;
Und dir trennen die Faden die dreifach waltenden Schwestern.
Überig war den Geschicken noch einiges. Tief aus dem Herzen
Seufzet sie auf, und es feuchten ihr quellende Tränen das Antlitz.
Und: Mir eilet zuvor mein Schicksal! rief sie, gehemmet
Wird mir die Red', und versperrt der Gebrauch der eigenen Stimme!
Nicht ja galten die Künste mir so viel, welche der Gottheit
Rächender Zorn mir erweckt! O erkennt' ich nie doch die Zukunft!
Schon entwindet sich mir die menschliche Bildung, ich seh' es!
Schon lockt nährendes Kraut; schon ebenes Feld zu durchlaufen,
Drängt mich der Mut! Roß werd' ich, und nehme den Wuchs der Verwandtschaft!
Aber warum denn ganz? Ist doch zweileibig der Vater!
Also jammerte sie; der Schluß des Jammergetöns war
Minder verständlich bereits, ein Gewirr undeutlicher Worte;
Bald auch Worte nicht mehr; auch scheint's nicht Stimme des Rosses;
Aber, wie wenn sie ein Roß nachahmete. Völlig bestimmt nun,
Wieherte hell sie empor, und bewegte die Arm' in die Kräuter.
Jetzo kleben die Finger; es schließt fünf einzelne Nägel
Fest mit gediegenem Horne der Huf; auch das wachsende Antlitz
Steigt auf erhabenem Hals'; und das Ende des schleppenden Mantels
Wird zum Schweif, und das Haar, wie es wild den Nacken umwallte,
Legt sich rechts als Mähne hinab. Neu wurde gebildet
Stimme zugleich und Gestalt; den Namen auch gab ihr die Bildung.
Battus
Delius irrt' in Elis umher und messenischen Feldern,
Suchend das Vieh, in der Zeit, als ihn ein ländliches Fellwams
Hüllt', und rechts ihm beschwerte die Hand ein waldiger Ölstab,
Links die Syring', ungleich mit sieben verbundenen Rohren.
Während der Lieb' er gedenkt, und seine Syring' ihn bezaubert,
Waren ihm, wie man erzählt, unbewacht die Rinder entwandelt,
Fern in die Pylierflur. Der Sohn der atlantischen Maja
Sah sie, und barg die entführten durch eigene Kunst in den Wäldern.
Niemand merkte den Raub; nur ein Greis, in jenem Gefilde
Wohlbekannt, den Battus die Nachbarn alle benannten,
Der in grasigen Talen und Au'n dem begüterten Nelus
Herden der edelen Ross', ein geordneter Hüter, bewachte.
Diesen zog er besorgt mit schmeichelnder Hand auf die Seite:
Gastfreund, wer du auch bist, liebkoset er, fraget dich jemand,
Ob du die Rinder gesehn, so leugne du. Daß du umsonst nicht
Diese Gefälligkeit übst, sei die schimmernde Kuh dir Belohnung.
Und er gab ihm die Kuh. Der empfangende Fremdling erwidert:
Gehe du ruhig vor mir; der Stein sagt eher den Raub an.
Und er zeigte den Stein. Merkurius, gehend zum Anschein,
Kehrete bald, und die Stimme zugleich mit der Bildung verwandelt:
Landmann, hast du vielleicht, so redet er, hier auf dem Abweg
Rinder gesehn; hilf retten, und sei kein Hehler des Diebstahls.
Schau', dir geb' ich zum Lohne die Kuh mit dem Stiere gepaaret.
Aber der Greis, da der Sold sich verdoppelte: Hinter dem Berge,
Saget er, werden sie sein; auch waren sie hinter dem Berge.
Lachend erwidert der Gott: Mich mir, Treuloser, verrätst du?
Mich verrätst du mir selbst? Und er schafft aus dem tückischen Melder
Hartes Schiefergestein, das noch dem Probenden meldet.
Aglauros
Hochher schwang durch den Himmel Merkurius schwebende Flügel;
Auf die munychische Flur, und das Lieblingsland der Minerva
Schaut' er im Flug', und das Rebengehölz des geschmückten Lyzeums.
Und es geschah, daß heute, wie Sitte war, züchtige Jungfrauen
Auf schönlockigem Haupt in die festliche Burg der Minerva
Trugen die Heiligtümer in laubumwundenen Körben.
Dorther sahe sie kehren der fliegende Gott; und er steuert
Nicht mehr grade den Lauf, er kreist in der selbigen Krümmung.
Wie um das Fleisch des Altars ein raubbegieriger Weihe,
Scheu und verzagt, da gedrängt die Opferdiener umherstehn,
Rasch in die Runde sich dreht, und nicht sich weiter hinanwagt,
Sondern den Wunsch sehnsüchtig umfliegt mit geschwungenen Flügeln:
Also beuget den Lauf der behende Cyllnier ringsum
Über der attischen Burg, und wirbelt die selbigen Lüfte.
Wie mit hellerem Glanz vor den übrigen Sternen hervorscheint
Luzifer; wie noch heller, denn Luzifer, leuchtet der Vollmond:
So viel herrlicher ging vor allen erlesenen Jungfrauen
Herse, des festlichen Zugs und ihrer Gespielinnen Krone.
Jupiters Sohn erstaunte dem Reiz; und schwebend im Äther
Ward er entflammt, wie geschnellt aus balearischer Schleuder
Fliegt das gekugelte Blei, und erhitzt wird von der Bewegung,
Und nicht glühend zuvor, jetzt glutvoll zischt in den Wolken.
Sieh, er wendet die Fahrt, abwärts vom verlassenen Himmel.
Auch verstellt er sich nicht; der eigenen Bildung vertraut er.
Diese, wie sehr sie geziemt, erhöhet er dennoch mit Sorgfalt.
Glatt nun streicht er das Haar, und stellt, daß zierlich es hange,
Sich das Gewand, daß scheine der Bord und das goldene Stickwerk,
Daß ihm schlank in der Rechten der Stab sei, welcher den Schlummer
Lockt und verscheucht, daß glänze die Sohl' an sauberer Ferse.
Heimlich barg der Palast im Innersten drei der Gemächer,
Prangend mit Elfenbein und Schildpatt. Pandrosos wohnte
Rechts, und links Aglauros, es wohnt' in dem mittleren Herse.
Jene, die links anwohnte, bemerkt' des Merkurius Ankunft
Jetzo zuerst; und sie waget, den Gott, wie er heiße, zu fragen,
Und weswegen er komme. Worauf ihr der Enkel des Atlas
Und der Pleione sagt: Ich bin's, der die Worte des Vaters
Rings durch die Lüfte bestellt; mein Vater ist Jupiter selber.
Auch nicht Vorwand heuchel' ich dir. Nur sei du der Schwester
Treu, und meinem Geschlechte verschmäh' nicht Base zu heißen.
Herse gilt mein Besuch. Sei hold dem Liebenden, fleh' ich.
Doch ihn beschaut Aglauros mit jenen Augen, womit sie
Jüngst die verborgnen Geheimnisse sah der blonden Minerva.
Und sie verlangt, daß Gold von großem Gewicht ihr belohne
Solchen Dienst, und zwingt ihn indes aus dem Hause zu weichen.
Düster wandt' auf Aglauros den Blick die streitbare Göttin;
Und sie entzog dem Herzen so laut aufatmende Seufzer,
Daß die erhabene Brust, und über der Brust ihr die Ägis
Zitterte. Denn sie gedachte der Frevlerin, welche mit schnöder
Hand die Geheimniss' enthüllt', als einst des lemnischen Gottes
Mutterloses Geschlecht sie schauete gegen das Bündnis:
Und lieb sollte dem Gotte sie nun, lieb werden der Schwester?
Reich nun durch den Empfang des geizig geforderten Goldes?
Stracks, wo die Scheelsucht wohnt im finsteren Wust der Verwesung,
Eilet sie hin. Ihr Haus ist im untersten Tale des Orkus
Tief versteckt, unbesonnt, und nie vom Winde gelüftet,
Traurig und öd', und voll untätigen Frostes erstarrend,
Stets der Flamme beraubt, und stets von Dunkel umnachtet.
Als hierher sie gekommen, des Kriegs graundrohende Männin,
Steht vor dem Hause sie still (nicht ziemt es ihr, unter das Obdach
Einzugehn), und klopft mit der spitzigen Lanz' an die Pfosten.
Jetzt, wie die schütternde Pforte sich öffnete, sieht sie die Scheelsucht
Zehren am Natternfleische, der Kost des tückischen Herzens;
Von der gesehenen kehrt sie hinweg die Augen. Doch jene
Hebt sich faul von der Erd', und läßt die Leiber der Schlangen
Angenaget zurück, und schleppt schwerfällig den Fußtritt.
Als sie die Göttin erblickte, so schön von Gestalt und von Rüstung,
Seufzte sie tief, und verzog bei dem peinlichen Ächzen das Antlitz.
Blässe wohnt im Gesicht, und Magerkeit rings an den Gliedern.
Seitwärts schielet der Blick; gelb stehn voll Rostes die Zähne;
Grün ist von Galle die Brust, und von Gift umflossen die Zunge.
Niemals lacht sie, wo nicht gesehener Schmerz sie gekitzelt.
Nie auch genießt sie des Schlafs, von wachsamen Sorgen ermuntert,
Sondern sie schaut unlustig, und abgehagert vom Anschaun,
Menschenglück; und nagend an anderen, nagt sie zugleich sich,
Und wird Strafe sich selbst. Wie sehr ihr auch jene verhaßt war,
Dennoch redete so Tritonia flüchtige Worte:
Triff mit deiner Verwesung von Cekrops Töchtern mir eine,
(Solches ist not!) Aglauros genannt! Nicht mehreres redend,
Floh sie, und trieb die Erde zurück mit gestemmter Lanze.
Jene den Blick seitwärts auf die fliehende Göttin gedrehet,
Murmelte leise für sich; denn daß es gelang der Minerva,
Ärgerte sie. Und sie faßte den Stab, den Dornengewinde
Ganz umher einhüllt'; und bedeckt von düsteren Wolken,
Wo sie den Gang hinwendet, zermalmt sie blühende Felder,
Sengt sie verschrumpfendes Kraut, und verletzt die obersten Wipfel.
Rings mit verpestendem Hauch die Völker, die Städt' und die Häuser
Schändet sie; bis sie nunmehr die Burg der Tritonia schauet,
Prangend mit sinnigem Geist, Wohlfahrt und festlichem Frieden;
Und kaum hält sie die Tränen, da nichts zu betränen sich darbeut.
Gleich, wie sie dort ins Gemach der cekropischen Tochter hineinging,
Tut sie, was Pallas gebot, und berührt mit schwärzlichen Händen
Jener die Brust, und füllt mit stachlichten Dornen das Herz ihr;
Haucht dann hinein des Verderbs Abschaum, und durch die Gebeine
Strömet sie, schwärzer wie Pech, und tief in die Lungen, den Geifer.
Daß auch des Grams Ursachen nicht fernere Räume durchirren;
Stellt sie die Schwester Gestalt, und die selige Liebe der Schwester,
Ihr vor den Blick, und den Gott in wunderherrlicher Bildung;
Alles vergrößert sie noch: bis aufgereizet, Aglauros
Am stillnagenden Schmerz erkrankt, und ängstlich die Nächte,
Ängstlich die Tage verseufzt, und in langsam schmachtendem Elend
Hinschmilzt, so wie das Eis, von flüchtiger Sonne verwundet.
Und sie entbrennt nicht anders vom Wohl der glücklichen Herse,
Als wenn Glut in die Kräuter des Dorngefildes gelegt wird,
Welche nicht hell aufflammen, doch sanft verglimmen im Qualme.
Oftmal wünscht sie den Tod, um nichts desgleichen zu sehen;
Oft will sie's wie Verbrechen dem eifernden Vater erzählen.
Endlich, um abzuweisen den kommenden Gott aus der Wohnung,
Saß sie vorn auf der Schwell'; und wie sehr er schmeichelt' und flehte,
Und in dem freundlichsten Ton liebkosete: Endige! rief sie;
Nimmer scheid' ich von hier, bevor ich hinweg dich getrieben!
Wohl, der Vertrag soll gelten! so sprach der cyllenische Herold;
Und er entschloß mit dem Stabe die gemeißelte Pforte. Doch jene
Mühet sich aufzustehn; und es stockt ein jedes Gelenk ihr,
Welches der Sitzende beugt, unbewegt in lastender Trägheit.
Zwar sie ringet mit Macht, gerade den Rumpf zu erheben;
Aber den Knien erstarret der Bug, und über die Nägel
Gleitet der Frost; es erblassen, geleert von Blute, die Adern.
Und wie der Krebs ringsher, das unausheilbare Übel,
Kreucht, und beschädigten Teilen die unverletzten hinzufügt:
Also kam allmählich zur Brust der tödliche Winter,
Welcher die Lebensweg' und den hauchendem Atem dir einschloß.
Nicht versuchte sie irgendein Wort, noch, wenn sie versuchte,
Fände die Stimme noch Bahn; um den Hals schon herrschte der Felsen,
Steif war Mund und Gesicht, und blutlos saß sie, ein Bildnis.
Auch nicht weiß war der Stein; sie behielt die Schwärze des Geistes.
Europa
Eben beschritt den Äther Merkurius, regend die Flügel.
Jupiter ruft ihn beiseit', und der Lieb' Ursache verhehlend:
Sohn, du treuer Besteller, so redet er, meiner Befehle,
Ohne Verzug nun eil' im gewöhnlichen Laufe hinunter;
Und wo drüben das Land linksher zur Erzeugerin Maja
Aufwärts schaut (mit dem Namen Sidonia nennt's der Bewohner),
Dorthin geh; und die Rinder des Königes, welche du ferne
Weiden siehst in dem Grase des Bergs, die treib' an den Meerstrand.
Jener sprach's, und die Rinder, sofort von dem Berge getrieben,
Gehn zum befohlenen Strand, wo des mächtigen Königes Tochter
Jugendlich pflegte zu spielen, umringt von lyrischen Jungfrau'n,
Nicht vertragen sich wohl, noch hausen vereint miteinander,
Herrschergewalt und Lieb': er verläßt die Würde des Zepters,
Und der gebietende Vater der Ewigen, dem in der Rechten
Flammt dreistrahlige Glut, und vom Wink aufschaudert das Erdrund,
Hüllt sich ein in des Farren Gestalt, und gesellt zu den Rindern
Brüllt er, und herrlich von Wuchs durchwandelt er sprießende Kräuter.
Blendend weiß ist die Farbe, wie Schnee, den weder ein Fußtritt
Niedergestampft, noch gelöset der tauende Atem des Südwinds.
Muskelig strotzt ihm der Hals; und dem Bug' enthangen die Wampen.
Klein zwar ist das Gehörn, doch zierlicher, als von des Künstlers
Händen geformt, durchsichtiger auch wie die klarste Juwele.
Gar nicht drohet die Stirn, noch schreckt sein leuchtendes Auge;
Friede beherrscht das Gesicht. Es staunt die Tochter Agenors,
Daß er so herrlich erscheint, und nichts Feindseliges vornimmt.
Aber wie sanft er tue, sie scheuet zuerst die Berührung;
Bald dann wagt sie mit Blumen dem schimmernden Munde zu nahen.
Froh ist der liebende Gott, und zum Vorschmack höherer Wollust
Küßt er die Händ' inbrünstig, und kaum noch erträgt er die Hülle.
Jetzo spielt er sie an, und durchhüpft die grünenden Kräuter;
Jetzo streckt er den Leib schneeweiß auf gelblichem Meersand.
Und, da die Furcht allmählich vergeht, bald reicht er zum Klatschen
Mit jungfräulicher Hand ihr die Brust, bald beut er die Hörner
Frischen Bekränzungen dar. Schon wagt die erhabene Jungfrau,
Wen sie besteig', unkundig, dem Stier auf dem Rücken zu sitzen.
Siehe der Gott schleicht leise vom Land und trockenen Ufer,
Erst den täuschenden Tritt in der vordersten Welle benetzend;
Weiter sodann und weiter, und ganz in die Mitte der Meerflut,
Trägt er den Raub. Sie zagt; und zurück zum verlassenen Ufer
Schauet sie, rechts ein Horn in der Hand, und die Linke dem Rücken
Aufgelehnt; und es flattern, gewölbt vom Winde, die Kleider.
Drittes Buch
Kadmus in Thebe
Jupiter hatte bereits, die Gestalt ablegend des Stieres,
Sich der Europa bekannt, im Schoß diktäischer Felder,
Als die Geraubte zu forschen der Held Agenor dem Kadmus
Anbefahl, und Strafe, wo nicht er sie fände, hinzufügt,
Landesflucht: liebreich in der selbigen Handlung und lieblos.
Als er die Welt durchwandert, (denn wer mag finden, was heimlich
Jupiter hält?) jetzt meidend des Vaters Zorn und die Heimat,
Irret Agenors Sohn, und fragt am Orakel des Phöbus
Demutsvoll das Geschick, welch Land zu bewohnen vergönnt sei.
Eine Kuh wird dir im einsamen Felde begegnen,
Saget der Gott, die nimmer dem Joch und dem Pfluge gefrönet,
Eile der Führerin nach; und wo im Grase sie ausruht,
Gründe die Mauern daselbst; und Böotia nenne die Gegend.
Kaum stieg Kadmus herab von der Kluft des kastalischen Bornes,
Als er einhergehn sah die ungehütete Starke,
Ruhigen Gangs, kein Zeichen der Dienstbarkeit tragend am Nacken.
Jener folgt, und beachtet mit drängendem Schritte die Spuren;
Und er verehrt in der Stille des Wegs Urheber, den Phöbus.
Schon die Furt des Cephisus, und Panopes Auen durchging er;
Siehe, da steht die Kuh, und die breitgewölbete Stirne
Hebt sie mit hohem Gehörn, und brüllet empor zu dem Himmel.
Dann zum Geleit umschauend der nach ihr folgenden Männer,
Lagert sie sich, und streckt im sprießenden Grase die Glieder.
Kadmus erglühet von Dank, und küßt das fremde Gefilde,
Segnend die unbekannten Gebirg', und die Ebenen grüßend.
Opfern wollt' er dem Jupiter nun; und er sendet die Diener,
Daß sie aus lebendem Born ihm Flut zur Sprenge besorgen.
Dort war ein altender Forst, noch nie vom Beile verletzet.
Eine Höhl' in der Mitte, von Busch umwachsen und Weidicht,
Bildet' ein niedres Gewölbe mit rauh gefügeten Steinen,
Der stets reichliches Wasser entsprudelte. Drinnen gelagert
War ein Drache des Mars, mit Kamm vorstrahlend und Golde,
Zuckendes Feuer im Aug', und der Leib vom Gifte geschwollen,
Mit dreispaltiger Zung', und dreifach stehenden Zähnen.
Aber nachdem das Gehölz die wandelnden Männer von Tyrus
Im unseligen Gange berührt, und die Urn' in das Wasser
Niedergesenkt auftönte; da streckt' aus dem langen Geklüft her
Bläulich der Drache das Haupt, und erhob ein entsetzliches Zischen.
Schnell entsanken die Urnen der Hand, und das Blut aus dem Antlitz
Floh, und in plötzlicher Angst erzitterten allen die Glieder.
Jener rollt in behenden Verschlingungen schuppige Ringel
Schlüpfrig, und wölbt sich empor in unermeßliche Bogen;
Und bis über die Hälfte zur wehenden Luft sich erhebend,
Blickt er herab auf den Wald: so groß am Leibe, wie groß er,
Wenn du ihn ganz anschaust, der die Bärinnen beide durchschlängelt.
Ohne Verzug, die Phöniker (ob jene zur Wehr sich bereitet,
Oder zur Flucht; ob selber die Angst sie an beidem gehindert)
Haschet er, diese mit Biß, mit langen Umwindungen jene;
Andre betäubt sein Schlund mit der Pest des vergifteten Hauches.
Schon verkürzte die Sonn' aus der Mittagshöhe die Schatten.
Kadmus, verwunderungsvoll, was doch die Genossen verweile,
Späht die getretene Spur. Als Hülle bedeckt ihn des Löwen
Zottige Haut; und die Lanze mit blinkendem Stahl und der Wurfspieß
Sind ihm Gewehr, und ein Mut, der mehr als alles Gewehr ist.
Als er, zum Wald eingehend, nunmehr die gemordeten Leiber
Sah, und den siegenden Feind mit gedehnetem Rücken darüber,
Wie er mit blutiger Zunge die traurigen Wunden umleckte:
Rächer will ich entweder, ihr Trautesten, eueres Todes
Oder Begleiter euch sein! So rief er, und hob in der Rechten
Einen Fels, und den großen mit großer Beeiferung schwang er.
Selbst die gewaltige Mauer mit hochaufragenden Türmen
Hätte gebebt vor dem Sturz: doch das Untier blieb unbeschädigt;
Und von den Schuppen gedeckt, und der Härte des dunkelen Balges,
Trieb es, wie unter dem Panzer, den prallenden Wurf von der Haut ab.
Nicht mit derselbigen Härte besiegt auch der Drache den Wurfspieß,
Welcher, gerad in die Krümmung geschnellt des geschmeidigen Rückgrats
Haftete, ganz mit dem Stahle hinab in die Weichen sich tauchend.
Jener ergrimmte vor Schmerz, und das Haupt auf den Rücken gedrehet,
Schaut' er die Wund', und nagt an dem Schaft des gehefteten Spießes;
Und nachdem er umher mit großer Gewalt ihn gerüttelt,
Riß er ihn kaum aus dem Rücken; doch bleibt ihm der Stahl im Gebeine.
Aber da nun zum gewöhnlichen Zorn sich die frische Verwundung
Fügete, schwoll ihm die Kehle von dick aufstrotzenden Adern;
Und ein weißlicher Schaum umfließt den verpesteten Rachen;
Rasselnd ertönt von den Schuppen das Land; und des stygischen Schlundes
Schwarz ausdampfender Hauch vergiftet die Luft mit Betäubung.
Bald nunmehr in Geringel von unermeßlichem Umfang
Rollt er sich ein; halb bäumt er empor, wie ein ragender Balken;
Bald im unendlichen Schwung, wie gedrängt vom Regen ein Sturzbach,
Stürmt er, und malmt mit der Brust die begegnenden Waldungen nieder.
Kadmus weicht ein wenig zurück; mit der Hülle des Löwen
Hält er den Anfall auf, und weit vorstreckend die Spitze,
Hemmt er das nahende Haupt. Doch der Tobende knirscht an dem harten
Stahle mit eitelem Biß, und stümpfet die Zähn' an der Schärfe.
Schon zu fließen begann aus dem giftigen Gaumen des Scheusals
Rotes Blut, und färbte das grünende Kraut mit Bespritzung.
Aber die Wunde war leicht, weil jener zurück vor dem Stoße
Zuckt', und den Hals der Verletzung entzog; ausweichend verwehrt' er
Festzusitzen dem Streich, und ließ nicht weiter ihn fortgehn;
Bis der Agenoride den Stahl, in die Kehle geschwungen,
Tief nachdrängend verfolgte; den rückwärts schlängelnden hemmte
Jetzo die Eich', und durchbohrt ward samt dem Holze der Nacken.
Krumm nun bog sich der Baum an der Last des sträubenden Untiers,
Und ihm erseufzte der Stamm, von dem äußersten Schwanze gegeißelt.
Während der Sieger den Raum des besiegeten Feindes betrachtet,
Plötzlich ruft ihm die Stimm', und nicht von wannen erkennt er;
Aber sie ruft: Was stehst du, Agenors Sohn, den erlegten
Drachen zu schaun? Bald wird man dich selbst anschauen als Drachen.
Ihm, dem Zagenden, schwand mit der Farbe zugleich die Besinnung
Lang', und ihm sträubte das Haar vor schauderndem Schrecken sich aufwärts.
Siehe, da nahete Pallas, des Manns Schutzgöttin, vom Himmel
Niedergesenkt; und sie heißt in aufgerüttetes Erdreich
Streuen die Natternzähne zum Anwachs künftigen Volkes.
Jener gehorcht; und die Erde mit drängendem Pfluge sich öffnend,
Streuet er Menschensaat, die befohlenen Zähn', in die Furchen.
Jetzo (wer glaubt so Großes?) begann sich zu regen die Scholle;
Und zuerst aus den Furchen erschien die Spitze der Lanze.
Bald auch gehelmete Häupter, umnickt von farbigen Büschen;
Bald auch Schulter und Brust, und mit Wehr belastete Arme,
Streben empor; und es wächst der geschilderten Saatlinge Heerschar.
Also, wann sich erhebt dem Festtheater der Vorhang,
Steigen die Bilder empor, und enthüllen zuerst die Gesichter,
Dann allmählich den Leib; und in sanftem Zuge gerichtet,
Stehen sie ganz, und setzen den Fuß auf die untre Verbrämung.
Kadmus, geschreckt vom befremdenden Feind, will Waffen ergreifen:
Waffne dich nicht! ruft einer des Volks, das die Erde hervortrug;
Waffne dich nicht, und meid' in den heimischen Krieg dich zu mischen!
Und so hauet er einen der erdgeborenen Brüder
Nahe mit starrendem Schwert; selbst tötet ihn ferne der Wurfspieß.
Dieser auch, welcher den Tod ihm sendete, lebet nicht länger,
Als er selbst, und verhaucht die eben empfangenen Lüfte.
Ähnliche Wut erfüllt die Saatlinge rings, und in eigner
Mordlust fallen sofort durch Wechselwunden die Brüder.
Schon die sämtliche Jugend, die kurz zu leben bestimmt war,
Schlug mit zappelnder Brust den blutigen Boden der Mutter;
Fünf nur atmeten noch; davon war einer Echion.
Dieser streckte zur Erde die Wehr auf den Rat der Tritonis,
Friedlichen Bruderverein verlangend zugleich und gewährend.
Sie nun wurden Genossen des Werks dem sidonischen Fremdling,
Als er die thebische Burg aufbauete, nach dem Orakel.
Kadmus in Illyrien
Kadmus, besiegt durch Gram und gereihete Übel des Hauses,
Und durch künftigen Grams Vordeutungen, ging, der Erbauer,
Aus der eigenen Stadt; als ob ihn der Gegenden Schicksal,
Nicht das seinige drängt'; und lang' umirrend erreicht' er
Nun das illyrische Land mit Harmonia, seiner Genossin.
Als sie, von Leid und Alter gebeugt, nachdenken des Hauses
Erste Geschick', und beid' im Gespräch auffrischen die Drangsal:
Sollte vielleicht, sprach Kadmus, der Drache da, den ich durchbohrte,
Gar ein geheiligter sein? damals, wie ich, kommend von Sidon,
Streute die Natternzähn', als neue Saat, in das Erdreich?
Wenn ihn sorgsame Götter gerächt mit so treffendem Zorne;
Mög' ich doch selbst auf dem Bauch als langer Drache mich winden!
Sprach's, und er dehnte den Bauch, ein langgewundener Drache;
Und die gehärtete Haut, er fühlt's, umzog sich mit Schuppen,
Und sein dunkeler Leib ward blau mit Tropfen gesprenkelt.
Vorwärts sinkt auf die Brust er hinab; und beide vereinigt
Ziehn sich die Bein' allmählich gewölbt zur gerundeten Spitze.
Noch sind die Arm' unverwandelt; die noch unverwandelten streckt er,
Und mit Tränen beströmend das auch noch menschliche Antlitz:
Komm, mein Weib, komm näher, Erbarmungswürdige! sprach er;
Weil noch etwas von mir nachbleibt, berühre mich! nimm doch,
Traute, die Hand, da sie Hand noch ist, nicht alles mir Schlang' ist!
Mehreres strebt zu reden der Greis; doch die Zunge verdünnt sich
Plötzlich, und hebt zweispaltig: wie sehr er sich mühet, die Worte
Stocken ihm, und wie er ringt, doch einige Klage zu geben,
Zischet er; diesen Laut erteilete jetzt die Natur ihm.
Schlagend die Brust mit der Hand, die enthüllete, ruft die Genossin:
Kadmus, o bleib, und wind', Unseliger, dich aus dem Scheusal!
Kadmus, wie nun? wo geblieben der Fuß! wo die Händ' und die Schultern?
Wo das Gesicht, und die Farb', und, indem ich plaudere, alles?
Götter, warum nicht mich zur ähnlichen Schlange verwandelt?
Als sie es sprach, da leckt er das Antlitz seiner Gemahlin,
Und in den teueren Busen, als ob er sie kennete, schlüpft er,
Windet sie ein, und schlängelt, wie lange vertraut, zu dem Hals' auf
Wer sich genaht von den Ihrigen, schaut mit Entsetzen. Doch jene
Streichelt den schlüpfrigen Hals des purpurkämmigen Drachen.
Plötzlich wurden es zwei; und sie gehn, in verschlungenen Ringeln,
Schlängelnd einher, bis die Kluft des grenzenden Waldes sie aufnahm.
Jetzt auch fliehn vor den Menschen sie nicht, noch kränken sie feindlich;
Eingedenk, was sie waren, sind noch die friedsamen Drachen.
Aktäon
Häufig gefärbt war ein Berg mit mancherlei Wildes Ermordung;
Und schon kürzte der Tag die mittleren Schatten der Dinge,
Und gleich weit war entfernt von jeglichem Ende die Sonne:
Als die Genossen der Jagd, die in Dickichten schweiften des Forstes,
So mit ruhigem Mund aussprach der hyantische Jüngling:
Feucht ist Garn, o Genossen, und Stahl vom Blute des Wildes;
Glück genug gab heute der Tag. Wann morgen das Licht uns,
Steigend in safranfarbnem Geschirr, Aurora zurückführt,
Dann erneuen wir unser Geschäft. Nun schwebet im Mittel
Beider Gestade die Sonn', und zerreißt mit Gluten die Felder.
Hemmt für jetzo das Werk, und enthebt die geknoteten Garne.
Folgsam hören die Männer das Wort, und ruhn von der Arbeit.
Dort war ein Tal voll Föhren und hochgespitzter Zypressen,
Welches Gargaphia hieß, der geschürzten Diana geheiligt.
Eine bewaldete Grott' ist tief im Winkel des Tales,
Ungebildet durch Kunst; doch ahmte der Kunst die Natur nach,
Durch selbständigen Trieb: denn sie hatt' aus lebendem Bimsstein
Und leichthangendem Tof den natürlichen Bogen gewölbet.
Rechts ihr murmelt ein Quell mit sanft durchscheinendem Wasser,
Rings vom grasigen Bord das gebreitete Becken umgürtet.
Hier war's, wo nach der Jagd die ermüdete Göttin der Wälder
Oft mit lauterem Tau jungfräuliche Glieder besprengte.
Jetzt auch trat sie hinein, und der waffentragenden Nymphe
Reichte sie Speer und Köcher zugleich mit entspannetem Bogen;
Eine nahm in die Arme den aufgelegeten Mantel;
Zwei entziehn ihr der Füße Geflecht; und die Tochter Ismenus,
Krokale ordnet geschickt das flatternde Haar um den Nacken
Zum geknoteten Wulst, obgleich es ihr selber gelöst hing.
Nephele schöpft das Gesprudel, und Hyale, Psekas und Rhanis,
Phiale auch; und sie strömen herab die geräumigen Urnen.
Während Titania hier im gewöhnlichen Borne sich kühlet;< |